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Arbeitskreise

2020: cancelled.*

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Wiebke
Stamm Eiche, Westerstede
LV Niedersachsen

Warum die kollektive Kolonialvergangenheit uns als Pfadfinder*innen was angeht

Die Ereignisse und Hintergründe der Black Lives Matter Bewegung haben mehr mit uns als Pfadfinder*innen zu tun, als es auf den ersten Blick scheint.

Wäre das nicht schön? Die globale Covid-19 Pandemie hätte nie stattgefunden, die mit ihr verbundenen sozialen und ökomischen Krisen müssten wir ebenfalls nicht bewältigen. Ohne das Jahr 2020 ginge aber auch ein weiteres ‚Ereignis‘ verloren, welches sich hoffentlich als mindestens genauso prägend für die moderne Zeitgeschichte erweisen wird wie das Coronavirus und seine gesellschaftlichen Folgen: In den USA beginnend hat die Black Lives Matter-Bewegung mittlerweile in allen Ecken der Welt Wellen geschlagen.

Es ist die ernüchternde Feststellung, dass trotz Martin Luther King und des Civil Rights Movements, trotz Demokratie und Rechtsstaat immer noch himmelschreiende rassistische Ungerechtigkeiten gang und gäbe sind, die für viele Demonstrierenden Ausgangspunkt und Motivation sind. Und Ungerechtigkeiten erleben wir in unseren Gesellschaften tagtäglich – in Form von Ausgrenzung, sozialer Ungleichheit, Gewalt und im Falle von George Floyd: Mord. Das gilt für die von systematischem Rassismus in besonderem Maße geplagte USA, aber genauso auch für unsere europäischen Gesellschaften.

Denn: Die Bewegung ist der unmittelbare Hinweis darauf, dass unsere modernen – angeblich so geläuterten – Gesellschaften heute noch mit Problemen zu kämpfen haben, die jedenfalls auch auf unsere kolonialistischen Vergangenheiten zurückführen. Diese Vergangenheit wurde gesellschaftlich kaum aufgearbeitet und ihre Probleme mitnichten überwunden.

Tatsächlich sitzen wir als Pfadfinder*innen mit im Boot der mangelnden Aufarbeitung: Auch unsere Entstehungsgeschichte ist aufs Engste mit der kolonialen Vergangenheit verwoben. Dies gilt nicht nur für Robert Baden-Powell, kurz BP, der eine gehobene Stellung im britischen Militär innehatte und in dieser Funktion in kolonialisierten Ländern wie Indien und Südafrika tätig war. Auch Alexander Lion, der BPs Scouting for Boys ins Deutsche übertrug und zur Verbreitung der Pfadfinder*innenbewegung im Sinne BPs in Deutschland beitrug, verfasste Anfang des 20. Jahrhunderts koloniale Abhandlungen aufgrund eigener Erfahrungen als Offizier in den deutschen Kolonien. Nicht vergessen werden dürfen die deutschen Kolonialpfadfinder, die in der Weimarer Republik das Ziel verfolgten, die Kolonien zurückzugewinnen und Jugendliche auf das Leben in und die Beherrschung von Kolonien vorzubereiten.

Manchen von uns dürften diese Hintergründe nicht ganz neu sein. Vieles wurde bisher allerdings noch so gut wie gar nicht thematisiert: Welchen Einfluss hatten koloniale Gesinnungen auf die Gründung? Was hat überdauert? Wo finden sich koloniale Gedanken in unseren Liedern, Traditionen und Spielgeschichten wieder? Wie erzählen und vermitteln wir die Geschichte unserer Bewegung?

Diese Fragen scheinen heute drängender zu sein denn je. Deshalb möchten wir die koloniale Vergangenheit der deutschen Pfadfinder*innenbewegung aufrollen und lernen, ihre Folgen zu verstehen und einzuordnen. So gab es schon auf dem mo:ti, dem digitalen Moot über Himmelfahrt 2020, in Zusammenarbeit mit dem Archiv der deutschen Jugendbewegung einen ersten Workshop zum Thema Pfadfinden und Kolonialismus.

In Anschluss hieran entstand in Zusammenarbeit der Arbeitskreise Politische Bildung sowie Flucht & Asyl eine Arbeitsgruppe. Die Pfadfinder*innen, die hier aktiv sind, möchten sich mit unserer kolonialen Vergangenheit beschäftigen, Wissen aufbereiten und diskutieren, was die Pfadfinder*innengeschichte für unsere heutige und zukünftige Arbeit im BdP bedeutet. Dazu haben sie bereits auf dem Gilwellkurs und bei anderen Veranstaltungen in verschiedenen Formaten Workshops und andere Bildungs- und Austauschformate angeboten. Auch zwei pfade-Artikel zum Thema Dschungelbuch und Kolonialismus werden in der nächsten Ausgabe zu finden sein. Ein weiteres wichtiges Thema ist es, Material für die Überarbeitung von Geschichtseinheiten zusammenzustellen.

Wer Lust hat, sich mit der kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen, ist herzlich eingeladen sich bei uns zu melden und mitzumachen. Außerdem ist dies eine tolle Möglichkeit, mal ein bisschen in die Arbeit auf Bundesebene hineinzuschnuppern und die AKs Politische Bildung und Flucht & Asyl kennenzulernen, ohne sich vollständig in einen der ständigen Bundesarbeitskreise einbringen zu müssen.

 

*Noch nie gehört? Frage die Suchmaschine deines Vertrauens mal nach ‚cancel culture‘.

Hast du Lust, dich mit der Kolonialvergangenheit der Pfadfinderei und ihren Auswirkungen auf unsere Arbeit zu beschäftigen? Hast du Fragen zu diesem Thema? Schreib uns gerne eine E-Mail an kolonialismuskritik@pfadfinden.de.

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