Blick auf’s Meißnerlager
NEUE BRIEFE

Auf, auf zum Hohen Meißner – bzw zum 15km entfernten Lagerplatz

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100 Jahre Jugendbewegung: viele Jugendliche und wohl noch mehr Bewegte, so man dem Altersdurchschnitt von 43 Jahren Glauben schenken mag.

Ja, ich bin auf „dem Meißner“, wie rund 3.500 Bündische und nicht ganz so Bündische auch. Von Marburg aus ist es nicht so weit und ich habe erst überlegt, mit dem Rad „anzuwandern“, aber steige dann doch noch in den Zug. Da ich noch arbeiten musste, ist es auch schon Mittwoch und ich habe den ersten Tag schon verpasst. Das Rad hab ich trotzdem dabei, weil es vom Bahnhof aus doch noch ein  paar Kilometer sein sollen. Drei Stunden später bin ich in Bad Sooden-Allendorf. Ich finde leider keine richtige Karte der Umgebung (Was lernen wir daraus? Richtig! Immer eine eigene Karte dabei haben!), dafür treffe ich auf Pfadis, die auch nicht genau wissen, wo es lang geht. Letztendlich steigen wir in den verspäteten Bus, der mich samt Rad mitnimmt. Voll gepackt bis obenhin geht’s bis Frankenberg. Von hier sind es noch etwa zwei Kilometer bergauf. Mein Dreigängerad ist von dem Feldweg nicht sehr begeistert und wär jetzt wohl lieber ein schickes Mountainbike. Aber wie heißt es doch so schön: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Zumindest teilweise. Da seh ich aber auch schon das Lagertor vor mir.

Über den Hang erstreckt sich bereits eine schwarze Zeltflut (ohne weiße Punkte!) und bunte Banner wehen im Wind. Ob’s hier wohl vor hundert Jahren genauso aussah? Gab es damals schon Schwarzzelte? Kurze Lederhosen und Baretts bestimmt. Mir laufen nicht wenige Affen und Frauen in Tracht über den Weg. Hat ja alles schon einen gewissen Stil, auch wenn ich bei dem Wetter sicherlich nicht in kurzen Hosen rumlaufen möchte, dann lieber in einem der dicken und bestimmt mollig warmen Röcke. Das Wetter ist übrigens sehr gut: die Sonne strahlt gegen die Eiseskälte an.

Nach dem ich den mir Obdach gewährenden Stamm gefunden habe (natürlich am anderen Ende des Platzes), gehe ich auf Erkundungstour. Ich sehe viele blau-gelbe Halstücher (dass das super Farben sind, hat nicht nur der BdP erkannt 😉 ) und treffe manch bekanntes Gesicht. Es gibt hier Pinten, ein buntes Windrad, ein Musisches Zentrum, Cafés und sogar eine Kirche von den Christlichen Pfadfindern. Im Programmheft finde ich verschiedene Workshops und Gesprächsrunden. Von Capoeira über Halstuchknotenknüpfen in den Meißner-Farben bis Diskussionen zum bedingungslosen Grundeinkommen ist sicher für jede und jeden etwas dabei. Abends gibt es Theater, Vorträge und natürliche jede Menge Singerunden. Während die einen sich lieber zurückziehen, um melancholische Lieder auf senkrechten Saiten zu zupfen, wird andern Orts mit Akkordeon, Trommeln, Flöten und Tamburinen so richtig abgerockt. Da muss ich doch gleich wieder an die Zeiten in der „Güldenen Makrele“ denken.

Die erste Nacht ist so richtig kalt. Es gibt Bodenfrost und auf den Paletten vor den Waschstellen kann man Schlittschuh laufen. Mein Daunenschlafsack hält mich zum Glück warm. Und mit den ersten Sonnenstrahlen kehrt dann auch das Leben in die Glieder und das Lager zurück. Zeit für ein Frühstück.

Das ist hier aber nicht so einfach. Die Verpflegung ist sehr unterschiedlich in den fünf Foren (Unterlagern) organisiert. Die Zentralverpflegung erstreckt sich teilweise über alle Mahlzeiten. Man hätte sich aber vorher dazu anmelden müssen (ich frag mich, wo man diese Info bekommen hat). Jetzt sei das nicht mehr möglich. PUNKT. Na gut. Wir (meine Jungs sind mittlerweile auch angekommen) finden dann aber doch noch einen Stamm, der mehr Leute angemeldet hat. Da gibt es dann Freitagmittag Chili-con-Carne. Der Hunger ist relativ groß, für mich aber nicht groß genug, die harten Bohnen zu essen. Ich picke nur ein bisschen Mais und Zwiebelstücke raus. Die Jungs essen alles brav auf und werden dafür am Abend mit fiesem Bauchgrimmen belohnt. (Thors Hammer!) Als wir die Sanis aufsuchen sind diese leider sichtlich überfordert, da wohl so einige Mägen rebellieren. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass es 2 Dixistellen gibt, aber nur an einer auch Waschgelegenheiten. Die Steriliumspender am andern Dixiländ gibt es erst ab Tag drei und diese sind dann auch recht schnell leer. Außerdem wird am Waschplatz dazu aufgefordert, NICHT unter fließend Wasser zu Waschen, sondern alle Koschis im Topf. Heißes Wasser sehe ich eher selten. So werden wir denn an der Tür damit abgewiesen, dass wir uns von anderen Leuten fernhalten sollen und in der Kohte ausharren. Nicht unbedingt das, was man hören möchte, wenn es einem schlecht geht. An dieser Stelle möchte ich mich noch mal ausdrücklich bei den Sanis auf dem BuLa bedanken. Vielleicht könnt ihr in 25 Jahren eure Unterstützung anbieten?

Am nächsten Morgen geht es den Jungs wieder besser und wir beschließen, nur noch selbst auf unserem, wenn auch äußerst unbündischen, Gaskocher zu kochen.

Es gibt leider keine Markthalle, nur eine Station, an der vorher bestellte Lebensmittel abgeholt werden können. Mittwoch- und Freitagvormittag gibt es ein paar kleine Stände von regionalen Anbietern. Die nächste Möglichkeit ist der kleine Supermarkt unten im Dorf. Außerdem weist ein Plakat an den Dixis auf eine Essenstauschbörse hin – Essen gegen Topf abgewaschen. Leider betreut die niemand. Die Idee ist aber super – vielleicht auch was fürs nächste BuLa?

Am Freitagabend gibt es den Festakt. In Scharen ziehen sie auf die Festwiese und versammeln sich vor der Bühne. Die Lautsprecher sind schon nötig, ob es aber die ferngesteuerte Drohne ist, die wohl Fotos macht, beschäftigt auch die RednerInnen. Es wird über die neue Meißner-Formel gesprochen (die Anfang diesen Jahres in Immenhausen geschrieben wurde); über damals und heute; über die Bedeutung der Jugendbewegung und mehr. Leider wird es immer später und damit auch immer kälter. Rund um den Platz stehen Holzpfähle mit Jahreszahlen. Zu jeder Jahreszahl gibt es ein Ereignis, z.B. die Gründung eines Bundes. So wird dann alles aufgezählt und auf jedem Pfahl eine Fackel und gleichzeitig ein großes Feuer entzündet. An letzterem gibt es zum Abschluss eine große Singerunde.

Samstag früh fängt es dann doch noch an zu regnen. Und zwar ohne eine Sekunde Pause-bis tief in die Nacht. Der geplante Jahrmarkt findet leider nur in der abgespeckten Variante statt und der Platz verwandelt sich binnen Stunden in einen großen Schlammpfuhl. Zeit für heißen Tee und Singerunden am Feuer. Oder gleich ganz im Schlafsack bleiben. Aber das ist eigentlich auch doof und so wage ich mich dann doch mit meinem magentafarbenen Regenschirm hinaus in die Nässe. Ich bin übrigens nicht die einzige mit Schirm, also nicht lachen! Unterschlupf finde ich in der Jurte des Mädchenwandervogels Solveigh. Es gibt Tee und die Geschichte der reisenden Frauen. Ich bin doch sehr froh, dass ich heutzutage weder morden noch mich als Mann verkleiden muss, um die Welt entdecken zu dürfen.

Den Rest des Tages verbringe ich an verschiedenen Feuerstellen und erfahre viel über die Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Bünden und Verbänden. Am späteren Abend zieht es die meisten dann doch in die Pinten. Es wird viel getanzt und gelacht.

Als ich wieder aufhöre zu singen, geht bereits die Sonne auf. So krieche ich denn für zwei Stunden in meinen Schlafsack. Kaum habe ich die Augen geschlossen, werde ich auch schon wieder geweckt. Zeit, das Ränzel zu schnüren. (Na gut, ich gebe es zu: ich hab einen ergonomischen Plastik-Rucksack.)

In 25 Jahren werde ich dann wohl auch zu den Bewegten gehören.

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Was denkst du?

  • Friedolin

    Liebe(r) Charo,

    schön, dass Du es zum Meißner-Lager geschafft hast. Einige Deiner Äußerungen bezüglich der Sanität möchte ich so aber nicht stehenlassen! Warum sind die Sanis für die Desi-Spender an den Toiletten zuständig? Das fällt eingentlich eher unter den Bereich „Gas-Wasser-Sch…“ – oder nicht? Waschgelegenheiten gab es tatsächlich nur an einer Toilettenanlage, was aber eher mit der Problematik der Wasserentsorgung in einem Naturschutzgebiet (!) und nicht mit Schikane zusammenhängt. Was übrigens auch der Grund für die Bitte war, das Koschi nicht unter fließendem wasser zu waschen. Wir vom Orga-Team haben uns seit 5 Jahren Gedanken gemacht, wie wir dieses Lager mit 3500 Teilnehmern finanziert und umgesetzt bekommen. Wenn Ihr auch daran teilgenommen hättet, oder der BdP, hättet Ihr auch das mit der Anmeldung erfahren. Auch wenn man spontan zum BuLa fährt könnte es Probleme mit der Verpflegung geben…..
    Welche Antwort hätte Dich denn bezüglich Deines Bauchgrimmens zufriedengestellt? Der Transport ins Krankenhaus? Wir hatten 3 Ärzte, 1 Krankenschwester, 4 RettAss usw. dort. Was wir nicht hatten war eine Bettenstation – deshalb der Rat in der Kohte zu bleiben. Wenn Ihr uns Eure Hilfe im Vorfeld angeboten hättet wären wir evtl. gerne darauf zurückgekommen. Hier mussten 60 (!) Bünde koordiniert werden, die alle in der ein oder anderen Weise teilhaben wollten. Ich denke es ist uns ganz gut gelungen mit unserem überbündischen Team die 220 (!) Patienten zu versorgen. Zu bedenken ist in dieser Situation übrigens bitte auch, dass es an diesem Abend gehäuft zu Durchfall/ Erbrechen kam, was im Endeffekt auf nicht vollständig durchgegartes Essen zurückzuführen war, aber auch andere Ursachen hätte haben können. Die ärztliche Leitung der Sanitätsstation war daher, hoffentlich verständlich, am „rotieren“.

    Friedolin
    Stamm ‚totila‘, Münster/ Westfalen
    Referatsleiter Brandschutz und Rettungsdienst im Orga-Team „Hoher Meißner 2013“

  • Charo Frensch - ArtikelautorIn

    Hallo Friedolin,
    Du hast natürlich Recht, dass die Sanis weder für Waschgelegenheiten noch für Steriliumspender verantwortlich sind – und von Schikane habe ich sicherlich nichts geschrieben.
    Als Kranker (zu denen ich glücklicherweise nicht gehörte), braucht man in der Regel ein bisschen Mitgefühl (zB den Rat: trink warmen Tee, ruh Dich aus) und nicht sowas wie: musst Du gucken wie du mit klar kommst. Und ich habe sehr wohl gesehen, dass es zu wenig HelferInnen bei den Sanis gab. Daher auch die Aufforderung an unsere BdP Sanis-die haben schließlich die Erfahrung mit Veranstaltungen in dieser Größenordnung. Dass der BdP nicht in der Vorbereitung dabei war, lag nicht in meinen Händen. Warum dem aber so ist, kannst Du hier nachlesen: http://www.pfa.de/allgemein/nachgefragt-fredde-zum-meissnertreffen/

    Auf unserem BuLa ist es übrigens kein Problem, spontan an etwas zu Essen zu kommen. Kiosk, Pinten und Catering sind vorhanden.

    Und trotz meiner, ich hoffe ein klein bisschen konstruktiver, Kritik war es eine tolle Veranstaltung, zu der ich in 25 Jahren wiederzukommen gedenke, vielleicht ja auch unterstützend in der Planung.
    An dieser Stelle möchte ich denn auch einen Dank an die Organisatoren des Meissners 2013 ausprechen.

    Gut Pfad und Seid wach!
    (Die) Charo

  • Friedolin

    Na ja, soweit ich mich erinnere (ich bin übrigens der BdPer, der mit der „Zitronenquetsche“ in der SanStation rumlief) lagen entsprechende Handzettel (Tee trinken, Ruhe, usw.) bezgl. des Verhaltens bei Durchfall/ Erbrechen in der SanStation aus. Wir hatten definitiv nicht zu wenig Personal (wir waren insgesamt 18 Leute!). Wir hatten zwei Behandlungsplätze die normalerweise ausreichen. Wenn aber zehn Leute mit den selben Beschwerden in der Reihe stehen – kann es schonmal passieren, dass man etwas kürzer abgefertigt wird. Wenn das so passiert ist – dann entschuldige ich mich dafür. Gerüchteweise war von bis zu 100 Erkrankten die Rede. Im Endeffekt waren es nur 7, aber jeder der medizinisch tätig ist, weiß was es bedeutet eine Durchfallepedemie auf so einer Veranstaltung zu haben.
    Wir hatten übrigens auch VCPer, DPSGer, DPBer u.a. im Team, die auch Großveranstaltungen haben. Der BdP ist hier nicht der einzige….
    Der großteil der Ärzte und RettAss kam aus der JUH und war definitiv Großveranstaltungserfahren.
    Das größte Problem im Vorfeld war, dass wir nicht wussten (bis zuletzt) ob nun 1500 oder 4000 Leute auf dem Platz sein werden. Was die Planung nicht unbedingt einfacher macht.
    Was die Essensverpflegung und Internetlinks angeht, hätte ich auch noch einen: http://meissner-2013.de/meissner-2013/anmeldung/ hier hätte es alle Informationen zur Lebensmittelversorgung gegeben…..
    Das größte Problem in der Vorbereitung war es, die Ideologien und Mentalitäten von ca. 60 Bünden zusammenzubringen. Das ging von „Vollcatering“ bis „Wir sind dann mal da…“ und war definitiv nicht einfach. Alleine die Diskussionen zum Thema „Alkohol“ füllen Aktenordner! Wie schon angerissen hatten wir eine Woche vor Lagerbeginn nur 2000 Anmeldungen. Die restlichen kamen während des Lagers mehr oder weniger „spontan“ – was die Planungen, die ja im Allgemeinen langfristiger sind, definitiv nicht einfacher machen. Wenn Du in 25 Jahren helfen möchtest – tu Dir keinen Zwang an! Helfende Hände werden immer gebraucht…

    Gut Pfad!

    Friedolin

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