NEUE BRIEFE

Blick über den europäischen Tellerrand

,

Warum ich keine Lust habe Europa zu feiern: Für einen Blick über den europäischen Tellerrand

Von Fuchs (AK Politische Bildung, Stamm Ritter vom Loe zum Loe und Aufbaugruppe Cassiopeia)

Europalager, zwei Bundeslager mit Europa-Motto, „My Europe, My Say“ … In den letzten Jahren ging es viel um Europa, auch bei uns im BdP. Gründe dafür sind nicht einfach nur, dass es leichter ist, Geld für Jugendprojekte zu bekommen, sobald man Europa drüberschreibt. In Zeiten von erstarkendem Nationalismus sehen es viele als notwendig an, verstärkt für Europa einzustehen. Europa meint dabei je nach Kontext die EU als politische Institution oder bestimmte Werte, wie die Zusammenarbeit von Staaten zum Erhalt von Frieden untereinander, das Einstehen für die Menschenrechte, persönliche Freiheiten und die Demokratie.

Im Verlauf der letzten Jahre fiel mir jedoch immer wieder auf, dass mich persönlich Aktionen und Projekte mit einem starken Europa-Fokus eher irritieren, in mir sogar Ablehnung hervorrufen. Kampagnen, die mir vor die Nase halten, ich solle mich mal mehr auf meine europäische Identität besinnen, dunkelblaue Sternchenfahnen schwenken und mich für Europa oder – noch enger gesehen – für die EU einsetzen, packen mich einfach nicht. Sie haben insoweit Erfolg bei mir, dass sie mich daran erinnern zur Wahl zu gehen (Wo gewählt wird: Bitte, bitte immer hingehen!), aber warum soll ich jetzt die EU feiern? Wenn ich keine Deutschlandfahne schwingen möchte, was soll dann an der Ebene darüber so viel besser sein? Wie ich das in meinem Kopf so drehe und wende, stelle ich fest, dass ich es gut (Korrektur durch die Redaktion) finde wie Projekte unter der Überschrift „Europa“ innerhalb des BdPs mit Inhalt gefüllt werden, der mit einem bloßen „Befeiern“ Europas nichtmehr so viel zu tun hat. Gleichzeitig halte ich diese Überschrift für sehr mächtig und sehe die Gefahr, dass wir uns inhaltlich einengen. Es ist wichtig, bei allem Engagement für Europa bzw. für sogenannte europäische Werte nicht aus den Augen zu verlieren, was abseits unseres europäischen Tellerrandes[1] passiert. Und selbstverständlich auch an diesem Tellerrand, wie ja auch der Titel dieser pfade-Ausgabe nahelegt.

Im Jahr 2017 war ich mit einigen (vor allem Pfadi-)Freund*innen im Rahmen eines Hilfsprojektes des Vereins Rigardu e.V.[2] an der serbisch-kroatischen Grenze, um Menschen auf der Flucht zu unterstützen. Viele von ihnen übernachteten häufig ohne Zelt und ohne Schlafsack im Gebüsch, in der Hoffnung, es an einem Tag endlich über die Grenze zu schaffen und in der EU Asyl zu beantragen. Viele Fragen drehten sich in meinem Kopf immer wieder im Kreis: Wie kommt es, dass so viele Menschen an den Grenzen ausharren, sogar im Winter? Warum kommt jede*r Einzelne dahin? Warum genau dorthin? Wie halten sie das aus? Warum sind sie gezwungen das auszuhalten? Was machen wir hier überhaupt? Was sagt es über die EU aus, was sagt es über die Welt, in der wir leben, aus, dass es zu diesen Zuständen kommt?

Mit dem Zug völlig entspannt wieder nach Hause zu fahren, war ziemlich seltsam. Im Sommer auf dem Bundeslager (Motto: „Erlebe den Kontinent“) zu sein, war auch seltsam, schwankend zwischen bereichernd und wohltuend und dann doch wieder bitter bis zynisch.

Zu der Zeit bekamen die Freiwilligen in Serbien immer mehr davon mit, dass flüchtende Menschen Opfer von Gewalt durch vor allem die kroatische Polizei entlang der Grenze wurden und immer häufiger mit üblen Verletzungen zurück in Serbien ankamen[3]. In den folgenden Monaten wies das kroatische Innenministerium die Vorwürfe immer wieder zurück. Mittlerweile hat sich das geändert: Man gibt zu, dass Gewalt gegen irreguläre Migrant*innen eingesetzt wird, diese sei jedoch notwendig, um die Grenzen zu schützen und damit legitim. Konsequente Argumentation, könnte man sagen, bittere Ehrlichkeit. Anlass genug, das Konzept der geschlossenen Staatengrenzen zu hinterfragen, wenn sie sich anscheinend nur durch direkte Gewalt oder – siehe Mittelmeer – die Kriminalisierung von Seenotrettung aufrechterhalten lassen. Staatsgrenzen kommen uns natürlich vor. Nationalstaaten mit festen Territorien und Grenzen in der Form, wie wir sie heute kennen, sind jedoch historisch gesehen gar nicht so alt. Ich möchte an dieser Stelle nicht tiefer in die Diskussion um mögliche alternative Organisationsformen einsteigen, aber so viel ist offensichtlich: Menschen bewegen sich, Menschen verlassen Orte und suchen neue, die Welt ist in Bewegung. Jede*r einigermaßen ernstzunehmende Migrationsforscher*in nimmt das als Grundannahme. Bewegungsfreiheit ist notwendig, zum Beispiel im Fall von Kriegen oder Dürren Teil einer Strategie. Aus Sicht der EU ist Migration selbst jedoch das Problem – nicht wirklich lösbar, aber aussitzbar und weg zu managen.

Wie entscheidend die Freiheit, sich in der Welt frei zu bewegen, sein kann, merkt man mit einem so mächtigen Pass[4] wie dem deutschen selten. Sie zu genießen fällt hingehen leicht. Auf unseren Fahrten vor allem quer durch Europa nehmen wir Grenzen kaum war. Wie anstrengend wäre es, für alle Sipplinge vor der Schwedengroßfahrt Visa zu beantragen. Die Leser*innen, die das mal für einzelne oder für sich selbst machen mussten, wissen, wie anstrengend solche Prozesse sein können.
Ich konnte in den letzten Jahren durch zahlreiche Länder reisen und habe dafür nur wenige Visa benötigt und die meisten sehr unkompliziert bekommen. Dabei habe ich vor allem viel Zeit in Indien verbracht. Im Umgang mit meinen Freund*innen dort kam immer wieder auf, wie stark sich die Möglichkeiten, die ich in dieser Welt aufgrund meiner Herkunft bzw. meines Passes habe, von denen der allermeisten Inder*innen unterscheiden. Wieder habe ich mich ständig gefragt: Warum ist das so? Wie kommt es, dass Menschen an unterschiedlichen Orten mit so unterschiedlichen Voraussetzungen ins Leben starten? Wie kann es sein, dass jemand alle Energie in eine gute Ausbildung steckt, um sich dann im Beruf immer wieder in einer Sackgasse wiederzufinden, während ich die Möglichkeit hatte frei nach meinem Interesse zu studieren und dabei immer wieder ins Ausland zu gehen?

Beim Versuch zu erklären, warum die Lebensqualität in einigen Ländern im Schnitt so viel schlechter ist als in anderen oder warum einige Länder wirtschaftlich so viel schlechter darstehen, kommt immer mal wieder jemand auf die Idee Argumente vorzubringen, die sich eigentlich wie folgt zusammenfassen lassen: „Die Menschen dort haben es einfach nicht so drauf!“ Beim Versuch, sich differenzierter auszudrücken, wird dann noch auf Arbeitsmoral und Fleiß und gute Organisation hingewiesen, aber das macht es nicht besser. Wer sich die Frage stellt, warum einige Länder reicher sind als andere und vehement versucht, die Kolonialgeschichte und die sich daraus bis heute fortsetzenden Abhängigkeiten, Machtasymmetrien und Ausbeutungsverhältnisse auszuklammern, der kann eigentlich nur noch auf rassistische Logik zurückgreifen und verstrickt sich in Argumente, die sowohl mit Blick auf die Geschichte als auch die aktuellen Bedingungen (z. B. die Ressourcenausstattung) einfach falsch sind.

Zurück zu Europa: Für mich ist das eben nicht nur ein Kontinent der Demokratie, in dem ich fröhlich hin und her reisen kann und dessen Staaten sich seit einer beachtlichen Zeit nichtmehr bekriegen. Es ist eben auch ein Verbund mächtiger Staaten, die im Laufe ihrer Geschichte sehr kräftig Scheiße gebaut haben und seitdem versuchen, sich möglichst effizient aus der Verantwortung zu ziehen, während möglichst keine Vorteile abgegeben werden. Eine mächtige Stellung in der Welt und Reichtum haben sich Staaten eher nicht durch freundliche Gespräche erhandelt, sondern durch jahrhundertelange systematische Ausbeutung. Das gemütliche Nest aus kuscheliger Baumwolle, in dem massig Schokolade genascht und Kaffee geschlürft wird, wollen wir Europäer*innen lieber nicht aufgeben. Unsere Kriege führen andere und was wir haben wollen, müssen wir uns, wie zur Kolonialzeit, nicht mehr direkt rauben, denn dank unserer mächtigen Stellung haben wir andere Druckmittel. Wir bekommen, was wir wollen. Was aus europäischer Sicht eine „Flüchtlingskrise“ ist, ist global gesehen eher ein Symptom. Dahinter stehen Kriege, Klimawandel, Ungleichheiten, Ausbeutung.

Auch die Pfadfinder*innenbewegung ist aus einer postkolonialistischen[5] Perspektive ziemlich interessant: Der Gründer unserer Bewegung Robert Baden-Powell war General im Dienste des britischen Kolonialregimes und trug damit ganz aktiv zur Ausbeutung, Unterwerfung und sogar Ermordung anderer Menschen bei. Sein Freund Rudyard Kipling verfasste neben dem Dschungelbuch, das als Spielgeschichte für unsere Wölflinge dient, außerdem noch das Gedicht „The White Man’s Burden“[6], in dem er es als die Pflicht der Engländer bzw. der Weißen darstellt, Verantwortung für Menschen auf der Welt zu übernehmen, die einfach nicht so fähig und schlau und zivilisiert und so weiter seien. Ich tue mich schwer damit, über Menschen zu urteilen, die zu einer Zeit und in einem System gelebt haben, das ich mir nicht wirklich vorstellen kann und über beide gibt es so viel mehr zu sagen. Jedoch bieten allein diese beiden widersprüchlichen Persönlichkeiten Beispiele dafür, warum Personenkult einfach nicht so schlau und nicht so sinnvoll ist. Vielmehr können sie uns zeigen, wie sehr und wie klar erkennbar auch wir als Pfadfinder*innen ein kolonialistisches Erbe tragen und wach halten. Das klingt jetzt erstmal nicht schön – ist es auch nicht – aber statt so zu tun, als wären Baden-Powell und Kipling ausschließlich Vorbilder gewesen, können wir uns diese verzwickten Umstände einmal mehr zum Anlass nehmen, etwas darüber zu lernen, wie vielseitig, komplex und widersprüchlich die Welt ist. Dazu gehört eben auch, kolonialistische und militaristische Elemente der Pfadfinderei zu erkennen und aufzuarbeiten. In kleinen Schritten wird die Welt für alle besser, als wir sie vorgefunden haben.

Unsere vielseitigen Aktionen und Formate, von der Gruppenstunde bis zum Bundeslager, bieten viel Raum sich aus den unterschiedlichsten Perspektiven mit Themen auseinanderzusetzen und Realitäten kennenzulernen, die bisher abseits unseres Tellerrandes liegen. Dabei sollten wir alles was wir kennen und auch uns selbst (persönlich und als Bewegung) immer wieder hinterfragen. Wenn wir uns mit Europa beschäftigen, müssen wir auch nach seinen Rändern fragen und nach allen anderen Kontinenten. Wenn wir für Europa einstehen, müssen wir uns fragen, wofür und eben auch wofür nicht und was es abseits davon gibt.

Als junge Menschen einer weltweiten Bewegung sehe ich unsere Stärke darin an utopischen Idealen und Träumen festzuhalten, um damit die Welt zu gestalten, in der wir leben wollen. Dafür brauchen wir möglichst weite Horizonte statt enger Pfade aus „politisch sinnvollen“ Strategien und Kompromissen. Pragmatisch gesehen bin ich natürlich Bürgerin der EU und möchte daher versuchen zu begreifen, wie sie funktioniert und wie ich in ihr wirken kann. Geht es aber um meine Überzeugungen und meine Weltsicht, möchte ich mich immer wieder daran erinnern, dass ich ein Mensch auf der Erde bin, eingebettet in ein Netz, in dem wir alle miteinander zusammenhängen. Diese Verantwortung füreinander reicht vom ganz persönlichen Miteinander bis hin zu einer globalen Solidarität, die nicht an Grenzen zwischen Staaten aufhört. Dort, wo die EU diesen Idealen widerspricht, sollten wir stets wach und kritisch bleiben. Die für sie konstruierte, enge europäische Identität muss ich auf diesem Weg meines Erachtens nicht zusätzlich bestärken oder gar feiern.

[1] Oder EU-Tellerrand, oder Schengen-Tellerrand, auch alles gar nicht so einfach!

[2] Mehr Infos unter www.Rigardu.de

[3] Mehr Infos unter www.borderviolence.eu

[4] Mehr Infos zum Thema Visa-Vergabe unter visawie.org, dort könnt ihr auch das „Reisepass-Quartett“ bestellen, um euch spielerisch mit dem Thema auseinanderzusetzen.

[5] Postkolonialismus bzw. Postkoloniale Theorie beschäftigt sich damit, auf welche Art und Weise die Machtzustände der Kolonialzeit noch bis heute wirken bzw. weiter fortbestehen und formuliert damit eine Kritik z. B. an der Darstellung der Menschen in oder aus ehemaligen Kolonien und aktuellen Machtverhältnissen zwischen Staaten.

[6] https://en.wikipedia.org/wiki/The_White_Man%27s_Burden#Text

 

In diesem Artikel ist uns (der Redaktion) in der Printversion ein Fehler unterlaufen: Ursprünglich hatte es heißen sollen „Wie ich das in meinem Kopf so drehe und wende, stelle ich fest, dass ich es gut finde, wie Projekte unter der Überschrift „Europa“ innerhalb des BdPs mit Inhalt gefüllt werden, der mit einem bloßen „Befeiern“ Europas nicht mehr so viel zu tun hat.“ Fuchs hatte hier Wertschätzung und keine weitere „Irritation“ ausdrücken wollen. Der Fehler ist leider in einer Korrekturschleife passiert und wurde hier wieder korrigiert.

0

Was denkst du?

Avatar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ausrechnen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.