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NEUE BRIEFE

Ein Stamm ohne Alkohol

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Wir sind ein alkohol- und drogenfreier Stamm. Sind wir dadurch langweiliger und unlustiger als andere Stämme? Finden wir nicht, sagt unser Stammesrat, der das Thema in einer Gruppendiskussion auf WhatsApp behandelt hat.

Es geht uns nicht darum, Alkohol zu verteufeln, sondern eher darum dass wir die alkoholfreie Zeit bei den Pfadfindern zu schätzen wissen.

Manche Wölflinge oder junge Sipplinge kamen noch gar nicht mit Alkohol in Kontakt, weil es in ihrem sozialen Umfeld nicht üblich ist. Vielleicht haben andere Kinder schon zu viel mitangesehen. Es ist aber sicherlich immer eine komische Situation, wenn man seine Eltern oder andere Vertrauenspersonen angetrunken erlebt. Im BdP wollen wir den Kindern einen Rahmen bieten, in dem sie sich sicher und aufgefangen fühlen können. Das ist unserer Meinung nach nicht mehr möglich, wenn die R/Rs unter Alkoholeinfluss stehen.

Klar gibt es auch bei uns das ein oder andere Abendlager, an dem wir mal ein Glas Apfelwein oder eine Flasche Bier trinken. Das dann aber auch nicht im Übermaß, nur mit R/Rs und nach vorheriger Absprache.

Wollen wir morgens auf einem Lager fit und gut gelaunt die Kinder motivieren, ist es für beide Seiten von Vorteil, nichts getrunken zu haben. Wenn die Kinder nachts von etwaigem Gejohle der angetrunkenen Leute aufwachen, kann das auf sie bedrohlich wirken, obwohl die Leute einfach nur ihren Spaß haben. Maulen diese dann am nächsten Morgen völlig verkatert ihre Sipplinge oder Wölflinge an, weil sie ihnen zu laut sind, dann ist das Ziel des Lagers oder des gemeinsamen Zusammenseins, in dem es darum geht, dass alle sich wohl fühlen und eine gute Zeit haben, verfehlt.

Auch als älterer Sippling oder R/R kann es eine gute Verzichtmöglichkeit sein. Wir können jedes Wochenende mit unseren Freunden trinken gehen, wenn wir wollen. Da müssen wir das bei den Pfadfindern nicht auch noch machen, weil es gerade schön ist, aufregende Erlebnisse oder spannende Abende nüchtern teilen zu können.

Außerdem ist es ganz praktisch gesehen wichtig, dass abends auch noch jemand ins Krankenhaus fahren kann, falls etwas passiert. Die Regel nur zu trinken, wenn die Wölflinge und Sipplinge im Bett sind, finden wir im Stamm schwierig. Wenn nur darauf gewartet wird, dass die „Kleinen“ ins Bett gehen, damit man endlich Spaß haben kann, zieht das einen Graben durch unsere Reihen. Es gibt eine unsichtbare Grenze zwischen denjenigen, die trinken, laut werden und manchmal ihr Maß nicht kennen und denen, die nicht wollen, dürfen oder nüchtern bleiben müssen um aufzupassen. Dadurch grenzen wir Einzelpersonen automatisch aus, ob wir es wollen oder nicht. Gleichzeitig beinhaltet dieses Verhalten, dass zu Gemütlichkeit und einem schönen Abend immer Alkohol gehört. Aber wo, wenn nicht bei den Pfadfindern können wir am besten auf Alkohol verzichten? Wir müssen nichts trinken, um in einer Gruppe akzeptiert zu werden, und auch als „Eisbrecher“ brauchen wir es nicht. Bei uns kann man zu jeder Zeit jeden anquatschen oder sich irgendwie integrieren und muss sich keine Sorgen machen, dass es doof oder peinlich ist. Anders als bei normalen Partys, bei denen jede und jeder unter Druck steht, möglichst cool sein zu wollen. Drei Tage nicht gewaschen, mit matschiger Hose und nach Rauch müffelnd ist sowieso niemand mehr im herkömmlichen Sinne „cool“. Da hilft Alkohol dann auch nicht mehr. Feuer, Kerzen und Tschai reichen vollkommen aus, um einen gemütlichen Abend zu haben.

Ja, Kinder und Jugendliche kommen sowieso irgendwann mit Alkohol in Kontakt. Deswegen sollte es auch weder verteufelt noch ignoriert werden. Fast überall sonst, ob in der Schule oder mit Freundinnen und Freunden, ist Alkohol ein Thema. Da kann der Stamm auch mal eine Ruhezone sein, in der diese Angelegenheit nicht ständig neu diskutiert wird. Wir können kein Trainingslager für maßvolles Trinken anbieten, aber wir können zeigen, dass wir auch ohne Alkohol super viel Spaß haben. Das haben Einige leider fast schon verlernt. Und was ist mit den ganzen schönen Erinnerungen, die wir bei den Pfadfinderinnen und Pfadfindern sammeln, wenn wir uns am nächsten Morgen nur verschwommen daran erinnern?

Cara von Stockert
Stamm Graue Biber, Bad Vilbel
LV Hessen

 

Foto: Samuel Lechner

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