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Endlich wieder raus

Kinder und Jugendliche in der Pandemie

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An niemandem geht diese Pandemie spurlos vorbei. Alle in unserer Gesellschaft mussten sich stark einschränken. Fast alle haben von zuhause gelernt oder gearbeitet und über ein Jahr lang ihre Kontakte deutlich zurückgefahren.

Von den Auswirkungen von Corona für die Wirtschaft konnte man in den letzten Monaten viel hören. Was diese Pandemie mit jungen Menschen macht, davon hat man viel zu wenig mitbekommen. Inzwischen bestätigen immer mehr Studien, was auf der Hand liegt: Das andauernde Gefühl der kollektiven Ohnmacht stellt eine enorme Belastung für junge Menschen dar. Ohne echten Kontakt zu Gleichaltrigen einsam Aufgabe für Aufgabe abhaken. Ohne die menschliche Zuwendung der Mitschüler*innen und Lehrer*innen. Ohne Sportverein, ohne Partys, ohne Freund*innen. Und dazu noch von der ständigen Angst, dem mental load, begleitet, sich irgendwo zu infizieren und, vielleicht noch schlimmer, geliebte Menschen wie die Oma anzustecken.

Jugendliche berichten von Schlafstörungen und Zukunftsängsten. Kindermediziner stellen eine starke Gewichtszunahme bei vielen ihrer jungen Patient*innen fest. Diese führen sie auf zu viel Süßigkeiten, zu viel Screentime und zu wenig Bewegung als des fehlenden Vereinssports zurück. Aber natürlich wirkt sich fehlende Bewegung auch auf die mentale Gesundheit aus. Studien gehen davon aus, dass ein Drittel der jungen Menschen in Deutschland dauerhaft an den Folgen dieser Pandemie leiden werden. In Österreich wurden in einer Studie bei mehr als der Hälfte der Jugendlichen depressive Symptome festgestellt.

Dabei sind die langfristigen Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche noch gar nicht abzuschätzen. Denn soziale Kontakte sind eine entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten. Sie bilden den Rahmen für persönlichkeitsstärkende Selbstwirksamkeitserfahrungen. Sie ermöglichen den Aufbau wichtiger Sozialkompetenzen und schaffen die Grundlage für mentale Gesundheit.

Dies soll keine Kritik an den Regierungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie sein. Öffnungen und Schließungen von Schulen und Kitas waren ein ständiger Balanceakt zwischen Lerndefizit und Gesundheitsrisiko. Zur Linderung der pandemiebedingten Folgen nimmt die Bundesregierung in ihrem Aufholpaket jetzt Geld in die Hand. Allerdings legt sie dabei den Fokus auf die Lerndefizite im formalen Bildungssektor. Dies wird kritisiert, etwa von Thomas Fischbach, dem Präsident des Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, der meint: „Der Fokus liegt zu stark auf der Bekämpfung von Leistungsdefiziten.“ Dabei sollten das Defizit der Sozialkompetenzen und die emotionale wie mentale Gesundheit viel mehr im Fokus stehen und auch non-formale Bildungsstätten in der Diskussion eine Rolle spielen. Es sei an der Zeit, Betreuungsangebote außerhalb von Schulen und Kitas mit vorsichtigen Schutzkonzepten wieder zu öffnen, meint etwa Michael Schroiff, Chef des Verbands der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

 

Der BdP positioniert sich

Was bedeutet das alles für den BdP? Der positive Einfluss des Pfadfindens auf die Entwicklung junger Menschen ist ganzheitlich, nachhaltig und vielfältig bewiesen. Pfadfinden kann mit seiner Jugendarbeit tief in die Gesellschaft hineinwirken und so die Welt tatsächlich ein bisschen besser machen.

Bewusst positioniert sich der BdP aber nicht mit Forderungen nach vorzeitigen Öffnungen, sondern als Jugendverband, der sich für die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen einsetzt. Wir wollen dieser Gesellschaft ein attraktives Angebot machen, sobald dies wieder ohne Risiko möglich ist.

Unser Angebot – Pfadfinden im Sinne des BdP – wirkt genau dort, wo die Pandemie die größten Defizite geschaffen hat. Wir können Kindern und Jugendlichen geben, was sie gerade am dringendsten brauchen. Die gesellschaftliche Bedeutung von Pfadfinden, besonders jetzt, in und nach der Pandemie, kann gar nicht hoch genug eingestuft werden. Und das sollen endlich auch viel mehr Menschen in Deutschland erkennen.

 

Endlich wieder raus!

Die Kampagne Endlich wieder raus präsentiert Pfadfinden als Antwort auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Eltern. Wir wollen viel mehr jungen Menschen anbieten, sich der Pfadfinderbewegung anzuschließen.

Für unsere Kampagne und die gesamte Kommunikation haben wir aus unserer Pädagogischen Konzeption sechs Themencluster abgeleitet. Sie sollen zeigen, was Pfadfinden ausmacht. Diese Botschaft werden wir gezielt und offensiv in unsere Gesellschaft kommunizieren.

  1. Prägende Erlebnisse und Abenteuer
  2. Stärkende Gemeinschaft und Freundschaft
  3. Selbstwirksamkeitserfahrung und soziale Persönlichkeitsentwicklung
  4. Naturerfahrungen und Klimaschutz
  5. Verantwortung und Werte
  6. Aktive Mitbestimmung und Mitgestaltung

Im Rahmen der Kampagne werden wir Expert*innen zu Wort kommen lassen, die die Bedeutung dieser Themen für die Entwicklung und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen erläutern werden. Sie sollen auch die Defizite erklären, die während der Pandemie durch das Fehlen entsprechender Angebote für Kinder und Jugendliche entstanden sind.

Dazu wird die Kampagne zeigen, wie der BdP diese Themen in der täglichen Pfadfinder*innenarbeit mit Leben füllt. Um zu beweisen, wie toll die Methode Pfadfinden wirkt, brauchen wir euch. Alle, vom Wölfling bis zu ehemaligen Bundesvorsitzenden, können dabei mithelfen, indem ihr eure Erfahrungen und Geschichten in sozialen Medien teilt.  Eure gesammelten Beiträge werden wir auf endlichwieder.pfadfinden.de veröffentlichen. Lasst uns allen zeigen, was für eine einzigartige, lebendige und wichtige Jugendarbeit in unseren Stämmen geleistet wird!

Arno Schäfer

Stamm der Piraten, Neuwied

LV Rheinland-Pfalz/Saar

Die Erkenntnisse in diesem Artikel beruhen auf den Expert*innenmeinungen, die wir im Rahmen der Kampagne eingeholt haben und noch einholen. Die Interviews werden momentan zur Veröffentlichung aufbereitet. Wer sich selbst in das Themenfeld einlesen möchte, dem*der sei z.B. die COPSY-Studie empfohlen. Mehr dann bald auf endlichwieder.pfadfinden.de.

 

Foto: Henning Retzlaff

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Was denkst du?

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    Fuchs

    Ganz lieben Dank für diesen Artikel und das Engagement für „Endlich wieder raus“!
    Was mich aktuell sehr beschäftigt: Viele Jugendliche in unserem Stamm erzählen von nochmal gestiegenem Stress durch die Schule (was ja ohnehin schon ein Problem war). Einige sind auffallend häufig krank, haben Kopfschmerzen oder sagen die Sippenstunde kurz vorher ab wegen Hausaufgaben und Tests. Das passiert so häufig, dass ich mir Sorgen mache. Eine Pfadfinderin sagte mal bei einem Abend am Feuer „Wenn ich hier bin, vergesse ich die Schule und das ist dann erstmal schön, aber ich darf die Schule nicht vergessen. Wenn ich hier bin mache ich nichts für die Schule!“
    Ich habe echt Sorge, dass das sich jetzt nochmal verschlimmert, wenn die Schüler*innen denken, sie müssten jetzt aufholen, was sie verpasst haben.
    Ich denke wir sollten da im BdP ein Auge drauf haben, unsere Mitglieder gut unterstützen, dass sie auf sich selbst Acht geben und am besten uns auch öffentlich zu Wort melden, zB über den DBJR.
    Was denkt ihr? Gibt es weitere Erfahrungen und Ideen?

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