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NEUE BRIEFE

Über Rudyard Kipling, seine Weltsicht und wie viel davon im Dschungelbuch steckt

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Wiebke
Stamm Eiche, Westerstede
LV Niedersachsen

Wusstest du, dass das Dschungelbuch gar nicht von Disney ist? Okay, selbst wenn du wusstest, dass der Autor des Dschungelbuchs Rudyard Kipling heißt, musst du wahrscheinlich zugeben, dass du zuerst die gezeichneten Figuren aus dem Disney-Film im Kopf hattest, die auch an die Wände von so vielen Meutenräumen gemalt sind. Wenn du tatsächlich die Originalfassung des Dschungelbuchs gelesen hast, dann gehörst du wahrscheinlich zu einer sehr besonderen Spezies wissbegieriger Meutenführungen. Aber was weißt du darüber? Hast du dich mal gefragt, warum das Wolfsrudel, das als Vorbild für alle Wölflinge dient, im Wald im heutigen Indien lebt?

Zeit für eine kleine Geschichtsstunde der AG Kolonialismuskritik, die sich vor einigen Monaten gegründet hat, um mal in der kolonialistischen Ecke der Geschichte der Pfadfinder*innenbewegung ein bisschen aufzuräumen und Staub zu wischen – oder auch erstmal aufzuwirbeln. Vorab möchten wir sagen: Es gibt viel zu tun! Wir sind eine Gruppe von BdPler*innen, die sich für die Zusammenhänge von Pfadigeschichte und Kolonialgeschichte interessieren, Auftrieb bekam unser Anliegen zusätzlich durch die großen „Black Lives Matter“-Proteste im letzten Jahr. Wir sehen es nicht bei uns als Arbeitsgruppe zu entscheiden, wie in unserem Bund nun mit diesem Wissen und dieser Kritik umgegangen werden soll, aber wir möchten durch unsere Informationen Denkanstöße für die aktiven Gruppenführungen, Stufenteams und Kursteams liefern. Gerade sind wir vor allem viel damit beschäftigt erstmal selbst viel zu lernen. Das bedeutet, dass wir fleißig lesen und zusammentragen, denn wirklich viele Texte, die einfach verständlich diese Zusammenhänge erklären, gibt es leider noch nicht. Die Ergebnisse unseres Lernens bringen wir nun immer wieder in Kurse und Veranstaltungen ein und möchten dazu beitragen, eine Diskussion im BdP und darüber hinaus voranzutreiben. Wir möchten, dass junge Pfadfinder*innen mehr wissen als „und dann war Baden-Powell in Afrika und hat gelernt, dass man Jugendlichen Verantwortungen übertragen kann“. Immer wieder stoßen wir dabei auch auf Rudyard Kipling, mit dem Baden-Powell befreundet[1] war und dessen Dschungelbuch die Spielgeschichte für die Wölflingsstufe wurde.

Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay (heute Mumbai in Indien) geboren und verbrachte dort seine ersten Lebensjahre. Zur Schule gegangen ist er in England, da seinen Eltern die Erziehung nach englischer Tradition wichtig war. Als junger Erwachsener kehrte er nach Indien zurück und arbeitete dort einige Jahre als Journalist, in der Zeit entstanden auch seine ersten Kurzgeschichten [2].

Die Länder Südasiens (Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal, Bhutan, Myanmar) wurden damals, im Zeitalter des Imperialismus, als „Britisch-Indien“ als britische Kolonie von Großbritannien aus regiert. Zu der Zeit, als Kipling das Dschungelbuch schrieb, im Zeitalter des Imperialismus war Königin Victoria Kaiserin von „Britisch-Indien“. Die europäischen Kolonialherren waren interessiert an kostbaren Gewürzen, Farbstoffen, Gold, Früchten und letztendlich auch an kostenloser Arbeitskraft, als sie anfingen vor allem Menschen aus Afrika zu entführen und als Sklav*innen in andere Länder, vor allem nach Nordamerika zu bringen. Auch das Deutsche Kaiserreich hatte Kolonien, zum Beispiel im heutigen Namibia [3]. Viele Menschen starben in dieser Zeit in grausamen Kriegen, zum Beispiel in der Folge von Aufständen, wenn sie sich wehrten, an Hunger, eingeschleppten Krankheiten oder in Gefängnissen. Dass dieses Tun in Ordnung sei, begründeten die Kolonialist*innen mit Rassismus als Ideologie: Das heißt, sie gingen davon aus, dass andere Menschen weniger wert seien als sie selbst, und deswegen weniger bzw. keine Rechte hätten [4]. Kolonien gab es weltweit noch bis in die 1960er Jahre, Indien wurde zum Beispiel formal erst im Jahr 1947 von Großbritannien unabhängig.

Mit den Folgen dieser Zeit haben viele Staaten und Menschen noch heute zu kämpfen, da in Folge der Ausbeutung, der ungleichen Machtverteilung auf der Welt und der zerstörten Strukturen viele Staaten stark zurückgeworfen und in ihrer Entwicklung gehemmt wurden und immer noch werden. Dass Menschen rassistisch beleidigt werden und nicht die gleichen fairen Chancen haben, ist bis heute auch in Deutschland Alltag.

Nun aber zurück zu Rudyard Kipling: Als Engländer in Indien stand er auf der Seite derer, die vom Imperialismus profitierten. Auch er sah die Welt und Indien aus der Sicht der Unterdrückenden und nicht nur das: Er galt sogar als literarisches Sprachrohr des britischen Imperialismus. In vielen seiner Gedichte und Geschichten bringt er zum Ausdruck, dass es richtig und wichtig sei, dass die Kolonialmächte ihren Einfluss behielten und ausweiteten, denn es sei ihre Aufgabe über all die Menschen zu herrschen, die dazu selbst nicht ausreichend fähig seien. Diese Einstellung wird vor allem in seinem bekannten Gedicht „The White Man’s Burden“ (1899), dt.: „Die Bürde des Weißen Mannes“, deutlich [5]. Aus dieser Perspektive schrieb Kipling also Gedichte, Geschichten und ganze Bücher, in denen vor allem die Gesellschaft „Britisch-Indiens“ beschrieben wird. Viele der Bücher waren für Erwachsene, manche, wie das Dschungelbuch, aber auch für Kinder. Das Problem dabei? Seine Bücher waren ziemlich erfolgreich und bekannt: Es gab kaum andere Bücher, die so ein genaues Bild der dortigen Gesellschaft zeichneten, und die weltweit gelesen und so bekannt wurden. Damit prägte Kipling die Sicht der Europäer*innen auf die Bevölkerung Britisch-Indiens wie kaum ein anderer Autor bis heute, denn seine Bücher (wie auch zum Beispiel „Kim“) sind immer noch sehr beliebt. Darin werden die beherrschten Menschen als der Gegensatz zu den ordentlichen, organisierten Kolonialherrscher*innen dargestellt, deren Herrschaft damit gerechtfertigt erscheint [6]. Wichtig dabei ist es im Blick zu haben: Es ist die Perspektive eines Mannes, der es für richtig hielt, dass weite Teile der Welt von europäischen Kolonialmächten, in erster Linie natürlich Großbritannien, regiert wurden. Die Gewalt dabei hielt er für notwendig. So nannte er zum Beispiel Oberst Reginald Dyer, der für das größte Massaker der jüngeren Kolonialgeschichte Indiens verantwortlich war, „den Mann, der Indien gerettet hat“[7]. Der britische Autor George Orwell (übrigens ebenfalls in Britisch-Indien geboren) schrieb 1942 über Kipling, dass seine Weltsicht von keiner „zivilisierten Person“ akzeptiert oder vergeben werden könne (so viel übrigens zu dem typisch „Kind seiner Zeit“-Argument: Auch damals war eine andere Weltsicht möglich). Es sei nicht korrekt, seine Schriften als reine Berichte zu lesen, denn es gebe nicht das geringste Zeichen, dass Kipling die Gewalt britischer Soldaten ablehne [8]. Durch seine Literatur trug Kipling nicht nur als Nebenfigur sondern sehr aktiv dazu bei, das britische Kolonialreich zu stützen und zu legitimieren. Kolonialismus funktionierte nicht nur über direkte Gewalt, sondern auch über den Einfluss der Kultur. Darüber hinaus beschreibt er häufig Menschen, deren Erfahrung, vor allem die Erfahrung der Unterdrückung, er niemals nachempfinden konnte.

Nun ja, aber im Dschungelbuch geht es doch hauptsächlich um Tiere, was kann dabei schon sein?

Das Dschungelbuch kann durchaus so interpretiert werden, dass die beschriebenen Tiere in ihren Eigenschaften mit Menschen zu vergleichen sind. Daher bot es sich ja auch als Spielgeschichte für die Erziehung von Kindern an. So bringen Balu und Baghira Mogli das Gesetz des Dschungels bei und Balu haut ihm dabei auch mal ordentlich eine rüber. Denn Mogli muss ja verstehen, dass es hart im Dschungel ist und Balu und Baghira erziehen ihn so hart, weil sie ihn lieben, ähnlich wie es „die Bürde“ Großbritanniens war über seine Kolonien zu herrschen. Dann gibt es das Affenvolk (Bandar-Log), die ohne Anführer*in (King Louie gibt es nur bei Disney) durch den Dschungel hetzen und von den anderen Tieren ausgegrenzt werden[9]. Sie werden zu den bedrohlichen „Anderen“, zum Gegenbild der Welt, in der Mogli lernt das Gesetz des Dschungels zu befolgen. Wem das zu weit hergeholt wirkt, der*die kann sich trotzdem mal die Frage stellen, was Kipling da versucht zu vermitteln: Ein ganzes „Tiervolk“, dass in der Geschichte hauptsächlich die Rolle hat chaotisch daherzukommen, von dem man sich ja fernhalten soll, das keine Regeln kennt, vor allem, weil es keine Führung hat?

Ganz direkt deutlich wird der Rassismus der Kolonialzeit, wenn Kipling solche Szenen beschreibt, in denen „Bleichgesichter anrücken auf Elefanten, mit Büchsen bewaffnet, begleitet von Hunderten von braunen Dienern“ [10]. Wenn Kinder überhaupt solche Sätze vorgelesen bekommen, dann dürfen sie nicht einfach so stehen gelassen werden, sondern sollten erklärt werden. Warum sitzen die „Bleichgesichter“ auf den Elefanten und warum gibt es „Hunderte von braunen Dienern“? Über Erfahrungsberichte von Meutenführungen, denen solche Fragen schon gestellt wurden, würden wir uns als Arbeitsgruppe sehr freuen. Noch viel wichtiger ist es aber unseres Erachtens, sich zu fragen, wie eine solche Erzählung bei Kindern ankommt, die sich aufgrund ihrer eigenen Hautfarbe und/oder Herkunft eher mit den Dienern identifizieren und was auch weiße Kinder da abspeichern [11].

Wir möchten mit diesem Artikel hauptsächlich dazu einladen, sich das Dschungelbuch mal genauer anzuschauen und mit diesem Blick zu lesen. Viele Meutenführungen haben sich wahrscheinlich ohnehin schon dagegen entschieden ihren Wölflingen Geschichten vorzulesen, in denen Mogli geschlagen wird. Außerdem sind die Originale etwas lang, um sie am Stück vorzulesen. Aber wir sollten noch genauer hinschauen: Wie beschreibt Kipling die Menschen, die vorkommen? Welche Regeln lernt Mogli? Welche Rollen und Stereotype finden sich in den Beschreibungen der Tiere wieder?

Darüber hinaus möchten wir ein Bewusstsein dafür schaffen, wer Rudyard Kipling war und für welche Weltsicht er steht. Kipling war überzeugter Imperialist und Rassist und damit natürlich keine Ausnahme für seine Zeit. Aber nochmal: Bevor wir es uns jetzt einfach machen uns sagen: „Nun ja, er war halt ein Kind seiner Zeit!“ – Nein, er war mehr als das! Er hat diese Zeit ganz aktiv mitgestaltet, nicht am Gewehr aber durch sein Schreiben.

Wenn wir seine Literatur und Figuren heute verwenden, dann sollten wir das wissen, auch wenn es schmerzhaft sein kann, zu erkennen, dass die liebgewonnenen Geschichten und Figuren unserer Kindheit nicht so fehlerfrei sind, wie wir gerne glauben möchten. Doch wenn wir das wissen, können wir zumindest (und das sollte der erste Schritt sein) eine Auswahl treffen und genau hinschauen, was wir da vorlesen, was wir da nachspielen und was wir doch einfach zwischen den verstaubten Buchdeckeln liegen lassen und nicht in unsere Gruppenstunden tragen. Und noch weiter: Wenn wir seinen Namen nennen und erzählen, dass er in Indien aufwuchs, dann sollten wir nicht verschweigen, was die Umstände waren, denn sonst verschweigen wir einen großen Teil der Geschichte dieser Welt, die unsere Gegenwart prägt. Damit tragen wir leider ein stückweit dazu bei, dass das Unrecht und der Rassismus, den viele Menschen erlebt haben und erleben übersehen, klein geredet und nicht anerkannt wird. Auf der größeren Ebene bedeutet das, dass Menschen auch heute noch aus rassistischen Gründen weniger zugetraut wird, Staaten die Schuld für die Armut ihrer Bevölkerungen allein gegeben wird, Völkermorde nicht als solche anerkannt werden, Geschädigte kaum oder gar keine Reparationen erhalten, gestohlene Kunst nicht zurückgegeben wird und vieles mehr.

Dabei können wir es doch auch so sehen: Wenn wir mehr über Kolonialismus und Rassismus lernen wollen, dann kommt die Geschichte unserer eigenen Bewegung, der Pfadfinder*innenbewegung, quasi auf dem Silbertablett daher. Wir können daran und daraus sehr direkt lernen und mehr über uns und unsere Realität verstehen, damit wir wirklich die Welt zu einer besseren machen, dem Frieden dienen und auch, damit unsere Gruppen einladend für viele verschiedene Menschen sind.

 

[1] Warum die beiden sich damals wahrscheinlich ganz gut verstanden, besprechen wir dann mal in einer anderen Ausgabe.

[2] https://www.dhm.de/lemo/biografie/rudyard-kipling

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Kolonien

[4] Zu diesen geschichtlichen Zusammenhängen empfehlen wir das Kapitel 5 „Die Geschichte des Rassismus“ aus dem Buch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette, ihr findet es auch als Hörbuch bei den großen Streaming-Diensten.

[5] Den Text mit einer deutschen Übersetzung findest du hier http://www.hermann-mueckler.com/pdf/RKipling-Engl-Deut.pdf

[6] Wer mehr darüber wissen will und Lust hat da tiefer wissenschaftlich einzusteigen, der kann sich mal über „Orientalismus“ nach Edward Said informieren.

[7] https://en.wikipedia.org/wiki/Rudyard_Kipling#cite_ref-147

[8] https://www.orwell.ru/library/reviews/kipling/english/e_rkip/

[9] Eine Analyse, die wir eindrücklich finden: Sven Kluge (2020): Das Dschungelbuch als Erziehungsfolie oder das eigene Fremde als Projektion auf die Tierwelt. In: Wilfried Breyvogel und Helmut Bremer (Hrsg.): Die Pfadfinderinnen in der deutschen Jugendkultur. Wiesbaden: Springer VS, S. 9-14

[10] Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch, Kapitel: Moglis Brüder

[11] Da wir als Autorinnen dieses Artikels weiß sind, können wir uns diesen erlebten Rassismus nur versuchen vorzustellen, aber nicht nachempfinden. Wir empfehlen daher wärmstens das Buch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette, das als gut verständliches Buch zum selbst Lernen angelegt ist, und von Alice Hasters „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“, in dem es zusätzlich mehr um persönliche Erfahrungen geht.

Wiebke Meiwald
AG Kolonialismuskritik
AK Flucht & Asyl

Fuchs (Andrea Ries)
AG Kolonialismuskritik
AK Politische Bildung

Foto: David Christiansen (Frieder)

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Was denkst du?

  • Avatar
    Malte

    Hallo Wiebke, hallo Fuchs,

    ich habe Euren Artikel über Kipling in den neuen Briefen mit großem Interesse gelesen.
    Zunächst einmal vielen Dank für Eure Arbeit und Mühe sich hiermit auseinanderzusetzen.

    Doch an zwei Stellen, habt Ihr Euch hinreißen lassen, Eure Meinung durch eine Zeitlich falsche Darstellung, sagen wir mal, zu untermauern, dass mag ich so nicht stehen lassen.
    Ihr schreibt hier meiner Meinung nach verhältnismäßig einseitig und verwendet aus dem zeitlichen Kontext herausgerissene Fakten:

    Ihr schreibt:
    ________________________________________
    „Die europäischen Kolonialherren waren interessiert an [..] und letztendlich auch an kostenloser Arbeitskraft als Sie anfingen Sklaven in andere Länder, vor allem nach Nordamerika zu bringen“
    Der Satz an sich ist eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt. In Eurem Artikel geht es aber um Rudyard Kipling, der 1865 geboren wurde. Britannien bekämpfte den Sklavenhandel zum Zeitpunkt seiner Geburt bereits seit über 50 Jahren aktiv. (https://de.wikipedia.org/wiki/Atlantischer_Sklavenhandel#Beendigung_des_Sklavenhandels )
    ________________________________________
    „Der britische Autor George Orwell (..) schrieb 1942 über Kipling, dass seine Weltsicht von keiner „zivilisierten Person“ akzeptiert oder vergeben werden könne (so viel übrigens zu dem typisch „Kind seiner Zeit“-Argument: Auch damals war eine andere Weltsicht möglich)“
    Ich habe Euer Zitat nicht überprüft, es wird sicherlich richtig sein. Doch auch hier reißt Ihr Fakten wieder aus dem zeitlichen Kontext um dem Leser eine andere Wahrheit zu suggerieren.
    1942 (Kipling war immerhin schon 6 Jahre Tod), stand die britische Welt unter dem Eindruck des 2.Weltkrieges. Man kämpfte ums Überleben gegen zwei zutiefst rassistische Regime. Eine solche Meinung mit einer 43 Jahre älteren Meinung zu vergleichen (als des britische Weltreich gerade auf seinem Höhepunkt stand) ist mehr als nur eine leichte Verzerrung der Tatsachen.
    ________________________________________

    Ihr schreibt sehr ausführlich über die Szene, als „Weiße“ zusammen mit „braunen“ Dienern in den Dschungel kommen. Es ist eine Weile her, dass ich das Dschungelbuch zuletzt gelesen habe.
    Diese Szene ist in meinem Gedächtnis nicht hängen geblieben, obwohl mir jeglicher Rassismus sehr zuwider ist, und ich mich als einen sehr reflektieren Menschen betrachte.

    Auf der anderen Seite verliert Ihr aber kein Wort über die positiven Seiten des Buches:
    Das Wolfsrudel ist im Grundsatz demokratisch aufgebaut, die Wölfe können Ihren Anführer selber wählen und jeder Wolf hat das recht in der Ratsversammlung seine Stimme zu erheben, es gibt kein Geburtsrecht.
    Setzt das doch bitte auch einmal in den zeitlichen Zusammenhang seiner Zeit. Kipling lebte schließlich ein einer Monarchie, die zwar für Ihre Zeit recht liberal war, aber sicherlich nicht so liberal…
    Kipling schreibt und warnt sogar, vor den möglichen Schwächen der Demokratie, wenn sich jemand durch List und Tücke an den Regeln vorbei die Macht erschleicht.
    Als Shir Kahn sich zum Herren über das Wolfsrudel aufschwingt, und Moglie flüchten muss, könnte man auch sagen, dass Kipling die Diktaturen des 20. Jahrhunderts vorausgesagt hat, und davor gewarnt hat.
    Die Diktatur Shir Khans bleibt im Buch etwas schlimmes, und am Ende siegt die Demokratie.

    Hier müsst Ihr Euch sicherlich den Vorwurf der einseitigen Darstellung gefallen lassen.
    Ich Teile Eure Meinung, dass Kipling sicherlich zu hinterfragen ist. Dann aber bitte von beiden Seiten.
    Und die Teile seines Werkes, die wir in unsere Gruppenpädagogik haben einfließen lassen, sind sicherlich eher unproblematisch.

    Und wenn Ihr schon dabei seid, BiPi könnte man vermutlich ebenfalls genauso von beiden Seiten betrachten.
    BiPi hat genau diesen Imperialismus, den Ihr zu recht anprangert, mit der Waffe Geltung verschafft, nicht „nur“ mit Worten wie Kipling. BiPi ist immerhin in der britischen Kolonialarme bis zum Generalmajor aufgestiegen.
    Wenn man „Scouting for Boys“ heute liest, überzieht es einen auch mit einer Gänsehaut.
    Dennoch liegt so viel Gutes in der Idee der Pfadfinderei, dass wir uns heute noch auf BiPi beziehen, und das zu recht. Man muss halt alles von beiden Seiten betrachten.

    Gruß und Gut Pfad

    Malte

  • Wiebke
    Wiebke - ArtikelautorIn

    Hallo Malte,
    danke für deinen konstruktiven Beitrag zu der Debatte, bzw. zu unserem Artikel. Wir würden gerne die Gelegenheit nutzen, darauf kurz zu reagieren.
    Du hast recht, den historischen Umstand bzgl. des Sklavenhandels hätten wir deutlicher machen können. Das rassistisch legitimierte und ausbeuterische Imperial-/Kolonialsystem hat Britannien jedoch nicht aufgegeben oder bekämpft. Die formale Dekolonisierung in beispielsweise Indien wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg vollzogen. Worum es uns in diesem Absatz geht, ist, Kolonialismus generell einmal für die Leser*innen zu erklären, die sich damit nicht auskennen.
    Im Aufsatz von Orwell, den wir zitieren, geht es sehr explizit um Kipling als Autor und seine Rolle im britischen Imperialismus. Orwell selbst ist, wie Kipling, in Britisch-Indien geboren und aufgewachsen, und 1942 war es noch britische Kolonie. Aus diesem Grund finden wir den Vergleich zwischen den Perspektiven dieser beiden Männer interessant und passend, sehen aber ein, dass die zeitliche Einordnung da in unserem Artikel etwas unsauber ist. Es hat sich die Welt auch 1942 nicht ausschließlich um den Krieg gedreht. Dass Orwell also ausgerechnet 1942 einen Text über Kipling geschrieben hat, hat wahrscheinlich gar nichts mit dem Krieg zu tun, genauso wenig, wie „Farm der Tiere“ (1945) den Krieg besonders reflektiert.
    Da machst du jetzt erneut das ‚Kind seiner Zeit‘ Argument auf und genau das ist der Punkt: Vieles an Kiplings Weltsicht war für einen Engländer seines Standes zu der Zeit normal, aber das macht die Inhalte für die heutige Nutzung nicht weniger problematisch. Uns geht es vor allem darum, dass wir diesen zeitlichen Kontext kennenlernen und im BdP beleuchten wollen, um zu entscheiden, was wir davon wie im Heute nutzen.
    Natürlich hat das Dschungelbuch viele interessante Inhalte und Ansätze, die wir nutzen können, bzw. die in der Pfadfinder*innenbewegung weltweit genutzt werden. Es gibt viele spannende und gruppenpädagogisch wertvolle Aspekte im Dschungelbuch, wie zum Beispiel das Prinzip des Ratsfelsen. Die wollen wir mit unserem Artikel ja auch nicht komplett über den Haufen werfen Unseres Erachtens haben wir das an mehreren Stellen in unserem Artikel deutlich gemacht, aber nicht weiter vertieft, eben weil wir der Ansicht sind, dass allein schon, dass das Dschungelbuch überhaupt Grundlage der Wölflingspädagogik ist schon verdeutlicht, dass die positiven Aspekte omnipräsent und weithin bekannt sind, und kontinuierlich weitergetragen werden. Unser Fokus liegt darauf, eben dieser Darstellung noch eine Perspektive hinzuzufügen, nämlich die des zugrundeliegenden imperialistischen Weltbildes.
    Den Vorwurf der einseitigen Darstellung finden wir deshalb tatsächlich zu kurz gegriffen. Schließlich machen wir im Artikel deutlich, dass wir nicht die fertige Wahrheit über den Umgang mit dem Dschungelbuch und die künftige Meutenarbeit zu kennen glauben, sondern zum nachdenken und kritisch sein anregen möchten. Unseren eigenen Standpunkt dabei machen wir transparent.
    Wir möchten eine Debatte anregen. Dazu ist unser Artikel erstmal als ein Aufschlag in einem hoffentlich längeren Prozess zu verstehen. Vielleicht hast du ja auch Lust, einen Artikel zu den positiven Seiten im Dschungelbuch und deine Perspektive darauf für die Neuen Briefe in der kommenden Pfade Ausgabe zu schreiben?
    Noch ein paar Worte zu Baden-Powell: Ja, er, seine Biographie und Scouting for Boys und wie er an vielen Stellen unreflektiert gehyped wird, ist aus Kolonialismus kritischer Perspektive ebenfalls problematisch. Auch damit beschäftigen wir uns in unserer Arbeitsgruppe und auch in den Workshops und Austauschformaten die wir organisieren. Dazu wird sicherlich auch noch der ein oder andere Beitrag von uns kommen. Ähnliches gilt für die Kolonialbegeisterung einiger derer, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Pfadfinderei in Deutschland großgemacht haben. In der Pfade Ausgabe zum Thema Wölflinge fanden wir jedoch einen Artikel zum Dschungelbuch und Kipling naheliegender.

    Viele Grüße
    Fuchs & Wiebke

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