NEUE BRIEFE

Warum wir uns mit Rassismus beschäftigen sollten.

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„Ein*e Rassist*in? Das bin ich doch nicht.“ Das denken bestimmt die meisten von uns.

Rassismus ist ja auch böse und außerdem können Leute, die ihre Zeit der Pfadfinderei widmen, nicht ausschließend oder diskriminierend sein.

Ganz so einfach lässt sich das Thema dann aber doch nicht aus der Welt räumen. Rassistische Strukturen sind in unserer Welt allgegenwärtig und machen auch vor unserem Pfadfinderalltag nicht halt.

Rassismus hat viele Gesichter – alle davon sind hässlich

Denn neben rassistischen Grenzüberschreitungen, Beleidigungen und Gewalttaten, die sich viel zu häufig ereignen, hat der Rassismus auch subtilere Auswirkungen. So belegen Statistiken zum Beispiel, dass Leute es mit „ausländisch“ klingendem Namen wesentlich schwieriger haben, eine Wohnung zu finden oder trotz gleicher Qualifikation zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden als Bewerber*innen mit „deutschen“[1] Namen.

Diese Form von Rassismus, die im Einzelfall nicht als rassistische Diskriminierung bewiesen werden kann und von Menschen, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind, kaum wahrgenommen wird, ist existent und wird struktureller Rassismus genannt.

Struktureller Rassismus zeigt sich aber nicht nur in Benachteiligungen, sondern auch daran, wie Ressourcen und Teilhabemöglichkeiten in der Gesellschaft verteilt sind. Die Pfadfinderei – und auch andere Jugendverbände – veranstaltet nicht nur schöne Zeltlager, sondern bietet ihren Mitgliedern auch Bildungsmöglichkeiten, Kontakte und über Ehrenamtsbescheinigungen auch bessere Chancen auf dem Praktikums- und Arbeitsmarkt. Allerdings sprechen fast alle Jugendverbände nur Kinder und Jugendliche aus der Mehrheitsbevölkerung an. Auch wenn viele Stämme mittlerweile Sätze wie „Bei uns können alle mitmachen – unabhängig von Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung oder sonstwas“ auf ihren Internetseiten und Werbeflyern haben, um auch Menschen einzuladen, die eher selten auf Gruppenstunden anzutreffen sind, bestehen die meisten Pfadfinder*innengruppen aus weißen Mittelschichtskids.

Was können Pfadfinder*innen gegen Rassismus machen?

Warum das so ist, ist gewiss eine interessante Frage. Viel wichtiger jedoch ist, dafür zu sorgen, dass neue deutsche Jugendliche[2], Jugendliche mit Migrationsgeschichte und Jugendliche of Color[3] auch ein Angebot an Jugendarbeit vorfinden können, dass sie anspricht.

Eine Möglichkeit hierfür wäre, dafür zu sorgen, dass der BdP diversitätsbewusster wird, sich mit seiner eigenen Mitgliederstruktur auseinandersetzt, erkennt, an welchen Stellen Hürden bestehen und diese abbaut. Rassismus in Pfadi-Kontexten besteht beispielsweise nicht erst da als Problem, wo rassistische Lieder gesungen werden, sondern in dem Moment, in dem solche Lieder gesungen werden können, weil es keine Menschen gibt, die davon betroffen wären.

In vielen Orten gründen sich zurzeit auch viele migrantische Jugendorganisationen. Allerdings sind diese Jugendgruppen häufig nicht Mitglieder in den Stadt- und Landesjugendringen, womit ihnen wichtige Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten verwehrt bleiben – auch das ist struktureller Rassismus.

Und auch hier kann der BdP als etablierter Jugendverband seine Stärke nutzen, um diese Gruppen zu unterstützen. So können Jugendgruppen, die bisher von den öffentlichen Fördertöpfen ausgeschlossen sind, ihre Veranstaltungen über einen Pfadfinder*innenstamm abrechnen und so auch Zuschüsse für ihre Arbeit bekommen. Oder ihr könnt die Gruppen dabei unterstützen, Mitgliedsverbände in euren Stadt- und Landesjugendringen zu werden, damit die Jugendlichen in diesen Verbänden auch die Vorteile von institutionalisierter Jugendarbeit erfahren.

 

Jakob Krahl, Stamm Parzival, Oldenburg, LV Niedersachsen

 

Literaturempfehlungen:

 

Viele Hilfe dafür gibt es im Band „Willkommen ohne Paternalismus“, das sich zwar vor allem an die Arbeit mit Geflüchteten richtet, aber auch für die Arbeit an eigenen Strukturen hilfreich ist.

 

Die Broschüren vom Bildungswerk IDA richten sich explizit an Menschen, die in der Jugendarbeit tätig sind und geben Anregungen, wie Jugendarbeit rassismuskritisch gestaltet werden kann.

 

z.B.: IDA-NRW (Hg.) (2016): Kinder- und Jugendarbeit  zu rassismuskritischen Orten entwickeln.

Link: https://www.ida-nrw.de/fileadmin/user_upload/reader/Broschuere_Kinder-uJugendarbeit.pdf

[1]Die Worte deutsch und ausländisch sind hier bewusst in Anführungszeichen gesetzt, um zu zeigen dass diese Einordnung künstlich ist. Es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, die Abdallah, Yılmaz oder Ibrahimović heißen und Deutsche sind.

[2]Der Begriff „neue deutsche“ soll im Gegensatz zu „Mitbürger*innen mit Migrationshintergrund“ nicht die Besonderheit, sondern die Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft ausdrücken.

[3]Das Attribut „of Color“ ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die Rassismuserfahrungen machen.

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