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NEUE BRIEFE

Wenn ein Fahnenklau mit Tradition so gar nichts mehr zu tun hat

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Meuti
Stamm Wildwasser, Hanau
LV Hessen

Oh, wie haben wir sie früher geliebt. Lustige Überfälle, an denen wir andere Stämme im Schutz der Nacht auf ihren Lagern “besucht” und ein kleines bisschen Chaos im Lagergrund angerichtet haben. Das Stammesbanner wurde auf dem Morgenrundenplatz vergessen? Prima, das schnappen wir uns und hinterlassen eine gehässige, aber freundliche Botschaft mit einer Lösegeldforderung. Der größte Reiz dabei war es immer, möglichst unbemerkt zu bleiben und natürlich nicht erwischt zu werden. Die “Beklauten” sorgten dann auf unseren nächsten Lagern für eine gelungene Gegenaktion und beide Seiten hatten großen Spaß daran. Man kann hier durchaus von einer Tradition sprechen. Und wenn diese mit gegenseitigem Respekt, und vor allem auch Respekt vor dem Eigentum der anderen, durchgeführt wird, kann das sehr bereichernd für die gegenseitige Freundschaft sein.

So etwas wie das, was (nicht nur) uns auf dem Bundeslager passiert ist, hat jedoch mit “traditionellem Fahnenklau” ungefähr soviel zu tun wie eine Fünf-Minuten-Terrine mit der Ernährungsscharta des BdP. Ein Banner zu klauen, das unbeaufsichtigt irgendwo draußen vergessen wurde, mag noch in gewisser Weise nachvollziehbar sein. Weht es allerdings offensichtlich als Teil einer Jurtenkonstruktion zwischen den Masten, fragt man sich doch schon, wie Menschen unseres Bundes auf die Idee kommen können, sich hier zu bedienen. Durchgeschnittene Seile hingen morgens als letzte Überbleibsel unseres Bezirksbanners traurig herunter. Auch ein Sippenwimpel musste dran glauben. Obwohl eigentlich ordentlich in der Jurte verstaut, war er an besagtem Morgen nirgends zu finden. Ein Bekennerschreiben oder zumindest eine kleine Nachricht über den Raub und wie wir uns unser Eigentum zurück verdienen könnten, suchten wir vergebens. Offenbar war hier einfach nur das Stehlen und vielleicht ein damit verbundener Reiz die Motivation der Diebe. Und als wenn das nicht schon traurig genug wäre – es kam noch schlimmer. Wir fanden den Sippenwimpel mit durchgebrochenem Wimpelspeer ein paar Tage später auf dem Lagerplatz wieder.

Es ging hier also ganz sicher nicht um das spielerische Erleben einer alten Tradition, sondern um völlig sinnbefreiten Vandalismus mit dem einzigen Ziel, fremdes Eigentum zu zerstören. Das macht zum Einen ein bisschen fassungslos und zum Anderen stellt sich die Frage, wie so etwas mit unserem Pfadfinder*innen-Versprechen und den dazugehörenden Regeln zusammengeht. Eher gar nicht. Der Sachschaden sei an dieser Stelle vernachlässigt, auch wenn er verständlicherweise ärgerlich ist. Viel trauriger macht es mich aber, dass wir nun offenbar auf unserem eigenen Bundeslager nicht mehr unbesorgt schlafen gehen können. Alles, was einen Wert hat, sei er materiell oder auch nur symbolisch, muss wohl zukünftig in abschließbare Kisten oder gleich unter den Schlafsack. Schade, denn eigentlich war das doch immer etwas, das uns von anderen unterschieden hat. Wir bauen für zehn Tage eine kleine Stadt und leben zusammen mit lauter wildfremden Menschen. Aber die Angst beklaut zu werden, war nie existent. Wir waren immer stolz darauf, unsere “Türen” rund um die Uhr für alle offen lassen zu können. Wir werden das wohl auch weiterhin so machen, aber das unbesorgte Vertrauen, das wir 5000 Pfadfinderinnen und Pfadfindern geschenkt haben, wurde mit dieser Aktion ganz schön ins Wanken gebracht.

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