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International

Türöffner Halstuch

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Immer noch bin ich in Westafrika, inzwischen in Benin. In der Stadt, in der sich meine Uni befindet (Parakou), erkundigte ich mich alsbald nach Pfadfinder*innen. Die wöchentlichen Veranstaltungen finden leider immer zu unseren Unizeiten statt, aber wir wurden eingeladen mit der Leiterrunde zu einer traditionellen Königsfeier weiter im Norden zu fahren. Dort helfen sie jedes Jahr in der Organisation mit. Dank ihrer Gastfreundschaft und Bereitschaft mich und meine Mitbewohnerin mitzunehmen standen wir also nach einigem Hin- und Her in dem kleinen Ort Nikki und begriffen langsam, auf was wir uns da eingelassen hatten.

Es war nicht irgendeine kleine Zeremonie, nein es war das Highlight des Jahres. Kurz zusammengefasst treffen zu dieser Gelegenheit einmal im Jahr lokale Chiefs (vergleichbar mit Fürsten), Prinzen und andere lokale Autoritäten aus der näheren und ferneren Umgebung (aus Benin und den Nachbarländern) zusammen, um dem König ihre Ehre zu erweisen und die Bande für das neue Jahr zu festigen. Die Präsentation spektakulärer Reitkünste auf wild geschmückten Pferden spielt dabei eine große Rolle. Auch wenn Benin schon sehr lange, seit weit über 70 Jahren, nicht mehr formal durch ein Königshaus regiert wird und aktuell die Demokratie als Staatsform hat, haben traditionelle Herrscher*innen immer noch eine große Bedeutung, weshalb auch das Fest sehr ernst genommen wird. Da Menschen aus verschiedenen Landesteilen angereist kommen um dabei zu sein, herrschte auch die Atmosphäre eines Kulturfestes und der ganze Ort war bei unserer Ankunft sehr belebt.

Nach einer Weile fanden wir auch die Pfadis – zum Glück ja immer leicht zu erkennen mit Kluft und Halstuch und konnten dank unserer Zugehörigkeit zur Helfer*innengruppe aus der ersten Reihe am Spektakel teilhaben, auch wenn wir nicht richtig hilfreich waren. Wie sollten wir für Ordnung sorgen, wenn wir die Hälfte der Zeit nicht genau wussten, was eigentlich passiert? Aber das fand niemand weiter schlimm und so standen wir plötzlich mit anderen Halstuchträger*innen neben dem König und dem ehemaligen Ministerpräsidenten (die ich beide nicht erkannt hätte, aber seis drum). Auch an der traditionellen ca. 7 km langen Prozession durften wir teilnehmen. Es war heiß und staubig; macht sich gut bei ca. 35 Grad vor, hinter und neben aufgedrehten Pferden lang zu rennen. Aber es war auch ganz schön spannend und beeindruckend.

Am Abend, im Lager auf einem Schulhof, habe ich es unheimlich genossen mich mit den ungefähr 20 Pfadfinder*innen auszutauschen, zusammen am Feuer zu kochen, Schrei-Kreisspiele zu spielen, ich habe Funky chicken und FlieFlei beigetragen, und den Abend am Feuer ausklingen zu lassen. Aufgefallen ist mir jedoch, dass teilweise ein deutlich höherer Grad an Disziplin oder hierarchischer Ordnung vorherrschte, als ich es aus meiner Arbeit im BdP kenne, auch wenn es da ja bekanntermaßen auch Unterschiede zwischen den Stämmen gibt. Ich war irgendwann fix und alle und als ich die Augen beim besten Willen nicht mehr offen halten konnte, kam mir die Bastmatte auf dem Steinboden wie das bequemste Bett der Welt vor. Nie wieder Isomatte!

Armand und Abraham beim Abendessen kochen

Den nächsten Tag nutzten wir noch, um ein wenig durch den Ort zu schlendern, eine Kokosnuss zu schlürfen, ein paar Souvenirs zu kaufen und die Fortsetzung des Spektakels zu verfolgen. Dann ging es, nachdem wir uns, nicht ohne das Versprechen uns bald wieder zu treffen, von den Pfadis verabschiedet hatten, wieder heimwärts.

Mal wieder war es beeindruckend wie das Halstuch und die Zugehörigkeit zur Weltpfadfinderbewegung Türen öffnete. Nicht nur, dass wir überhaupt von dieser Veranstaltung erfahren haben, statt irgendwo hinten zu sitzen (für gute Plätze wären wir zu unwichtig und zu spät gewesen) ganz vorne mit dabei waren und uns frei am Ort des Geschehens bewegen konnten, wir konnten auch noch mit den Pfadfinder*innen zusammen unterkommen, mit ihnen kochen, essen und sie als wunderbare Menschen kennenlernen. Ich hoffe, dass sie die Freundschaftsknoten, die ich ihnen gezeigt habe noch eine Weile in ihrem Tuch tragen werden.

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