Pfadfinder

Warum Deutschland auf dem Jamboree eine einheitliche Kluft trägt

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Stamm Barrakuda, Baldham
LV Bayern
Patchwork1+2
Meine Nachtourgruppe „IST Patrol Patchwork“ vor und nach dem Kluftwechsel

Vor Jahren habe ich als Gruppenleiterin bereits damit gekämpft, Eltern zu erklären, warum wir Pfadfinder eine „Uniform“ tragen. Das Gemeinschaftsgefühl lässt sich in einer solchen Diskussion viel schwerer vermitteln als Anschaulicheres, wie die sozialen Unterschiede zu verwischen. Doch Letztes Wochenende durfte ich die Erfahrung machen, wie sehr sich ein Gemeinschaftsgefühl ändert, wenn plötzlich alle gleich aussehen.

Abgesehen vom Friedenslicht, war ich 2010 auf meiner ersten großen Aktion mit dem „Ring“* – auf dem Rovermoot in Kenia. Man ist dort freudig auf jeden zugegangen und hat Freundschaften in die ganze Welt geschlossen. Nur die beiden anderen deutschen Verbände (DPSG und VCP) wurden gemieden. Es gab einen Haufen Meinungsverschiedenheiten und Nachtouren mit Leuten aus anderen Verbänden waren fast undenkbar.

Auf dem letzten Jamboree gab es wohl viel vergleichbaren Ärger. In der Nachbereitung beschloss der RdP* daher, dass für das nächste Jamboree einiges geändert werden muss. Es sollte alles gemeinsam als „Ringkontingent“ vorbereitet werden, die IST-ler (International Service Team) sollten zusammen betreut werden und als i-Tüpfelchen sollte es für das Gemeinschaftsgefühl das „Pilotprojekt“ einer gemeinsamen Kluft geben. Nachdem wir alle mit unserer Verbandskultur so verbunden sind wie mit unserer Kluft(farbe), war diese Überlegung umso mutiger und umso skeptischer die Kritiker des Vorhabens (mich eingeschlossen).

Bereits auf dem ersten Vorbereitungstreffen des IST wurde durch gemeinsame Programmpunkte das Eis zwischen den Verbänden gebrochen und alle fuhren mit einem guten Gefühl nach Hause – was die Zusammenarbeit mit den anderen Verbänden anging. Letztes Wochenende war dann das große Vorbereitungstreffen mit allen Teilnehmenden aus Deutschland, die nach Japan mitfahren und der große Kluftwechsel wurde mit viel (An)spannung erwartet. Der Moment an sich war eigentlich nichts Besonderes. Ein Kontingentsfoto in „Heimatkluft“, eins in der neuen Kluft – sehr unspektakulär.

Doch was folgte, war faszinierend. Mein Kopf war anfangs total damit beschäftigt, sich zu erinnern, wer vorher in welcher Kluftfarbe rumgelaufen ist. Obwohl ich seit Jahren mit einigen DPSG- und VCP-lern gut befreundet bin, hat wohl der Verband unbewusst doch sehr viel damit zu tun, wen ich auf was anspreche – ob sie/er mir helfen kann die Kohte aufzubauen, eine Morgenrunde zu planen oder Essen zu machen. Nach ein paar Stunden hat mein Kopf aufgehört, Leute in Schubladen zu stecken. Alle waren gleich und ich sprach vorbehaltlos jeden auf alles an. Siehe da: Mit jedem kann man sich einigen, was man jetzt wie macht. Und plötzlich haben z.B. auch VCP-ler ganz coole Spiele und nicht jede Morgenrunde mit DPSG-lern wird eine Andacht.

Ich hatte den Eindruck vielen ging es ähnlich wie mir, denn in den folgenden Tagen wuchsen wir als Kontingent spürbar zusammen und die Stimmung war super. Also Hut ab vor einer Kontingentsleitung, die sich getraut hat, das umzusetzen und es zum Erfolg geführt hat. Es ist ein tolles Gefühl!

Weder aus meinem Pfadfinderleben, meinem Alltag oder meinem blau-gelben Herz sind die BdP-Farben wegzudenken, aber für das Jamboree werde ich die „petrol“-farbene Kluft gerne tragen. Natürlich sind DPSG, VCP und BdP – die pädagogischen Ansätze, die Struktur, die konfessionelle Ausrichtung und die Größe der Verbände – sehr verschieden. Darum geht es hier aber nicht. Es geht darum, gemeinsam an einer Aktion teilzunehmen, dem Weltpfadfindertreffen. Bei einer „Uniform“ geht es darum Unterschiede zu verwischen – hier eben auch die der zersplitterten Pfadfinderei in Deutschland.

Um dem Gerücht vorzubeugen, es handle sich hier um die neue „Ringekluft“ zum „Ringehalstuch“: Diese Kluft ist ein Pilotprojekt. Es ist der Versuch, ob sie uns als Kontingent hilft, uns nach außen hin als deutsche Pfadfinder zu präsentieren (und nicht jedem Internationalen erklären zu müssen, warum wir drei verschiedene Kluften tragen) und nach innen ein Gemeinschaftsgefühl zu fördern, das wir auf solchen „Ring“-Aktionen dringend nötig haben.

Wir alle fahren aufs Jamboree, um internationale Pfadfinder kennenzulernen und ich finde es toll, dass dieses Jamboree den Teilnehmenden bereits in Deutschland die Gelegenheit gibt, andere Pfadfinderverbände und –kulturen kennenzulernen.

Vielleicht können wir als Ältere ja nun der jüngeren Generation die Möglichkeit geben, sich selbst eine Meinung zu bilden und ihnen nicht die Vorurteile weiterzugeben, die wir in dem Alter gelernt haben. Die Pfadfinderkultur in Deutschland ist so vielfältig und erlebnisreich. Vielleicht sind wir irgendwann mal so weit, das als Chance zu begreifen und uns nicht mit unserem „wir sind wir“ immer von allen anderen abzuschotten.

Gut Pfad,
Sophie
– Bundesbeauftragte für die Pfadfinderstufe im BdP –

*der „Ring“ = RdP = Ring deutscher Pfadfinderverbände:
BdP (Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder)
DPSG (Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg)
VCP (Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder)
pfadfinden-in-deutschland.de

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Was denkst du?

  • Marita

    Hallo Sophie,
    du hast wirklich ganz gut beschrieben, was wir gespürt haben. Vielen Dank für deine Mühe, das Erlebte in Worte zu fassen
    Marita

  • Yvonne

    Hallo Sophie,
    vielen Dank für deinen Beitrag, ich habe die Bilder gesehen wie aus dreien eins wurde und ich kann nur sagen es gefiehl mir richtig gut, schließlich fahren nicht drei deutsche Kontingente sondern eins zum Jamboree und was liegt da näher als auch eine Kluft zu tragen 😉
    In diesem Sinne…. Gut gemacht liebe Organisatoren

    Gut Pfad
    Yvonne

  • Susi

    Liebe Sophie,
    ich glaube, du hast bei der Truppleitungsbesprechung selbst erlebt, wie sehr mich die Reaktionen aller Anwesenden – aber voll allem der Truppmitglieder – gerührt und einen Augenblick sprachlos gemacht haben. Es hat sich so vieles bewahrheitet, was ich mir erhofft hatte. Und du beschreibst treffend, an welchen „inneren“ Grenzen wir bislang zurückgeschreckt sind. Ob wir als Kontingentsleitung besonders mutig waren, weiß ich nicht. Denn eines ist klar: Es hängt nicht an der Kontingentsleitung (die die Idee ins Spiel gebracht hat) oder dem Ringausschuss (der dieses Pilotprojekt zugelassen hat) – ob dieser auch äußerlich gemeinsame Auftritt im gleichen Hemd ein Erfolg wird. Es hängt jetzt von allen ab, die im Sommer in petrol nach Jaan aufbrechen!
    LG, Susi

  • Helmut

    Hallo Sophie,

    auch wenn ich nicht in irgendeiner Form Teilnehmer des Jamboree bin und somit natürlich keine petrolfarbene Kluft habe, finde ich die Aktion super. Ja, wir in Deutschland sind verschieden (oder wie du es nennst „zersplittert“) und da sind nicht nur in die Ringverbände, da ist die ganze Bandbreite verschiedenster Pfadfinderbünde. Ja, wir alle haben verschiedene Konzepte, Strukturen, sind einer Konfession verbunden und was einem sonst noch alles an Unterschieden einfallen mag. In meinem Heimatort gibt es neben uns Blau-Gelben einen VCP mit deutlich mehr Mitgliedern und solange ich mich zurückerinnern kann, gab es zwar vereinzelte Kontakte – aber grundsätzlich blieb man unter sich und es gab auch die üblichen Vorbehalte, so wie du es geschildert hast.

    Daher kann man solche Aktionen, die ein gemeinsames Bewusstsein fördern, nur begrüßen. Das heißt ja nicht, dass man seine eigene Identität aufgibt. Aber wenn wir bei gemeinsamen Aktionen auch ein gemeinsames Erscheinungsbild abgeben, müssen wir das, was ihr Jamboree-Teilnehmer anderen Internationalen nicht erklären wollt, auch zu Hause nicht unserer Öffentlichkeit oder auch nur unseren Eltern, Freunden etc. erklären – es ist nämlich nicht immer einfach Außenstehenden die deutsche „Pfadfinderlandschaft“ zu erklären. Und sicherlich hilft so ein zeitweises verwischen der Zugehörigkeit, welchem Bund/Verband der einzelne Teilnehmer angehört, bei der Bildung eines Gemeinschaftsgefühles. Es wäre natürlich wünschenswert, dass dies hoffentlich auch noch nach der gemeinsamen Aktion weiterbesteht.

    Denn bei allen Unterschieden sollten wir eines nicht vergessen: jeder Bund oder Verband mag seine eigene Art der Pfadfinderarbeit haben, aber letztendlich stehen wir alle gemeinsam zu einer Idee!

    Gut Pfad,
    Helmut

  • Hans Peter Geerdes

    Kleiner Tip: Wenn alle einfach normale Kleidung tragen geht das genauso gut. Oder wenn man Menschen nicht nach ihrem Aussehen bewertet – was ja für deine Argumentation ganz offensichtlich als gegeben und unabänderlich anzunehmen ist.

    • Chris

      Hallo Hnas Peter, dann hast Du Sinn und Zweck der Kluft/Tracht (vermeide ganz bewußt den Begiff Uniform) nicht verstanden, bzw. den Artikel nicht richtig gelesen. Unsere Kluft/Tracht ist ein Ausdruck der Gemeinsamkeit. MIch persönlich würde es freuen wenn es endlich eine Ringe Kluft gibt!!! Wir, der PSG/VCP Stamm Nemeta würden sie sofort bestellen.

      Herzlich Gut Pfad Chris

  • Alex

    Was bist du denn für ein Pfadfinder, der Menschen nach ihrem Aussehen (Kluft) beurteilt. Schäm dich !

  • aon

    @Hans: Das würde bedeuten, dass der Mensch die Optik (einheitliche Kluft = Einheit) komplett ignorieren kann. Das ist ein hehres Ziel, aber vollkommen unrealistisch und in Zeiten, wo z.B. das Geschlecht immernoch eine große Rolle im Bezug auf Vorurteile, aber auch Erziehung, spielt, einfach unpassend.

  • Vester

    Dieser Artikel schlägt in den sozialen Medien ein wie eine Bombe. Bei Facebook wurde der Artikel schon unzählige Male geteilt und bejubbelt. Ich würde mich sehr wundern, wenn diese Resonanz ohne Folgen bleibt.
    Gruß Vester (VCP Trupp Loreley)

  • Martin

    Gut geschrieben, Sophie.

    Im Endeffekt ist es schnurzegal, wer welches Pfadihemd anzieht.
    Meines ist z.B. weinrot (= PPÖ) und war vor der Umstellung 1996 khakifarben.

    Viel wichtiger ist, daß wir uns alle gegenseitig als Pfadis sehen und als solche achten und respektieren. Diese ganzen Verbändedünkel sind nervig und hinderlich statt förderlich.
    Das habe ich auch am Scouting Train mitbekommen: sobald 2 Deutsche zusammenkommen, sind die verbandsunterschiedlichen Diskussionen sofort ein massives Thema…
    Ich hab diese Diskussionen bei den Franzosen, Schweden oder Dänen, die ebenfalls viele unterschiedliche Verbände haben nie in solchem Ausmaße erlebt.

    Ich wünsche Euch jedenfalls, daß die petrolfarbene Uniform (für mich ist es immer noch eine) auch dahingehend ein Erfolg für Euch wird, der hilft, diese Differenzen zwischen BdP, VCP, DPSG,… abzubauen. Das soll nicht heißen, daß die Traditionen entsorgt werden sollen…

    Letztlich sollte es egal sein, welchem Verband (WOSM, WAGGGS, WOIS,…) wir angehören.
    Immerhin sind wir alle Pfadfinder und folgen den Ideen Bi-Pis!

    VLG und Gut Pfad,

    Martin
    (PPÖ Linz 12 & Salzburg 4)

  • Volker

    Liebe Sophie, vielen Dank für deine Worte. Auch wir als Kontingentsleitung waren bei unserem Abschlußkreis „baff“ welche Eigendynamik nach dem unspektakulären Hemdtausch losgegangen ist. Das hatten wir uns so nicht vorgestellt. Ich hoffe das sich der Spirit auch in Japan und danach fortsetzt. Ich bin sicher das wir einen guten Schritt mit der gemeinsamen Kluft geschafft haben. Ich bin auch etwas stolz das ich dabei sein durfte. Volker

  • Andreas Irmer

    Was ich mich bei dem Thema immer frage: in der WOSM gibt es x nationale Ringe (Frankreich, Israel,…). Tragen die tatsächlich alle eine einheitliche nationale Kluft? Gibt es von diesen anderen Ringen eventuell schon Erfahrungswerte, oder wird das da gerade eher ein deutsches „Mentalitätsding“?

  • Petra

    Als „alte“ Pfadfinderin (PSG) lese ich den Bericht über die gemeinsame Kluft/Tracht mit großem Interesse und Begeisterung. Dass die deutsche Gruppe der IST eine gemeinsame Kluft trägt, ist sicher eine gute Idee. Aber dass überhaupt Kluft/Tracht wieder mit Selbstbewusstbewusstsein getragen wird, finde ich wichtig, schon allein, um dem allgemeinem Schönheitswahn und der Klamottenshow etwas entgegen zu setzen. Wünschen würde ich mir , dass generell wieder mehr PfadfinderInnen – gleich von welchem Bund – in Kluft unterwegs sind z.B. auch beim Katholikentag. Im Gegensatz zum Evangelischen Kirchentag habe ich die (sichtbare) Präsenz von PfadfinderInnen vermisst. Ich wünsche euch spannende Erfahrungen und unvergessene Begegnungen beim Jamboree!

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