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Wölflinge

Woher kommt eigentlich das Dschungelbuch?

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Wiebke
Stamm Eiche, Westerstede
LV Niedersachsen

Wer war Rudyard Kipling und was hat Mogli mit Kolonialismus zu tun?

Hast du dir das Dschungelbuch schon mal genauer angeschaut? Also jetzt nicht der Film von Disney, sondern das Originalbuch von Rudyard Kipling?

Vielleicht bist auch du schon über Stellen gestolpert, in denen Balu Mogli schlägt um ihm „Das Gesetz des Dschungels beizubringen“? Oder in denen von den „Bleichgesichtern mit Büchsen“ und ihren „braunen Dienern“ die Rede ist? Um diese Stellen zu verstehen, muss man ein bisschen mehr darüber wissen, wo und zu welcher Zeit Rudyard Kipling gelebt hat.

Rudyard Kipling war ein Freund von Robert Baden-Powell, dem Gründer der Pfadfinderbewegung aus England. Beide wurden zur Zeit des Kolonialismus geboren. In dieser Zeit haben vor allem die Länder Europas viele andere Gebiete auf der Welt unter sich aufgeteilt und über sie bestimmt. Diese Zeit nennt man „Kolonialismus“, denn so ein Gebiet, das von einem anderen Land aus beherrscht wird, nennt man „Kolonie“.

Die Europäer*innen waren zuerst vor allem an kostbaren Gewürzen, Farbstoffen, Gold, Früchten und vielem mehr interessiert. Dann begannen sie jedoch auch Menschen zu entführen um sie dazu zu zwingen, ohne Bezahlung und unter schlechten Bedingungen zu arbeiten (das nennt man „Sklaverei“). Von Anfang an wendeten sie Gewalt an, um andere Länder und Menschen auszubeuten. Dass das in Ordnung sei begründeten die Kolonialherrscher*innen mit Rassismus: Sie waren der Ansicht, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Kultur weniger wert seien, als sie selbst. Auch wurde gesagt sie wären weniger schlau und nicht fähig sich selbst zu regieren. Um zu begründen, dass das in Ordnung sei, versuchten die Kolonialherrscher*innen sich als bessere oder mehrwertige Menschen darzustellen. So waren sie der Ansicht dass es (wie bei Tieren) verschiedene menschliche Rassen gebe mit verschiedenen Herkünften und Kulturen, die auch zum Beispiel verschieden schlau gewesen wären. Deshalb wären sie auch nicht fähig sich selbst zu regieren. Es gibt keine Beweise für solche Unterschiede bei Menschen und wir nennen diese gefährliche Denkweise Rassismus. Wer dennoch von Rassismus überzeugt ist, ist ein*e Rassist*in.

Auch das heutige Indien war damals, gemeinsam mit seinen Nachbarländern, eine britische Kolonie. Dort wurde Rudyard Kipling als Sohn englischer Eltern geboren. Nachdem er nach England zur Schule geschickt wurde, kehrte er für einige Jahre zurück nach Indien. Dort schrieb er die meisten seiner Gedichte und Geschichten, so auch das Dschungelbuch. Das Dschungelbuch spielt im Wald im heutigen indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Dschungel kommt übrigens vom Wort „jangal“, das heißt Wald auf Hindi, der Sprache, die die meisten Menschen dort sprechen.

Rudyard Kipling war der Ansicht, dass es richtig sei, dass Indien und die Länder drumherum von den Briten, also Engländern, regiert wurde. Er war weit gereist und hatte viele enge Kontakte zu Menschen in dieser Region, jedoch stand er auf der Seite der Unterdrücker*innen. Er hielt es für notwendig, dass die Bevölkerung der Kolonien nicht ihre eigene Regierung hatte, denn er sah sie als weniger fähig an über sich zu entscheiden. Damit war auch Kipling ein Rassist und ein großer Befürworter des Kolonialismus. Außerdem wurden Kiplings Geschichten auf der ganzen Welt sehr bekannt. In der Zeit ohne Internet waren sie für viele Menschen die einzige Möglichkeit etwas über Indien zu erfahren. Dadurch wurde Kiplings Sichtweise auf Indien in Europa sehr bekannt, während die Geschichten und Ansichten der unterdrückten Bevölkerung viel weniger bekannt waren.

Deshalb ist es wichtig, dass über diese Zeit gesprochen wird und die Menschen mit diesen Erfahrungen zum Rassismus und auch Kolonialismus gesehen und ernst genommen werden. Das passiert leider häufig nicht. Noch heute wird Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihres Aussehens weniger zugetraut. Ehemaligen Kolonien wird häufig die Schuld für die Armut der Bevölkerung ganz allein gegeben.

Für uns heute bedeutet das, dass wir mit Rudyard Kiplings Geschichten sehr vorsichtig umgehen müssen und lieber nochmal genauer hinschauen, bevor wir etwas vorlesen. Noch heute kämpfen Menschen in Ländern wie Indien mit den Folgen der Kolonialzeit, denn ihre Vorfahren haben viel Gewalt erlebt und ihnen sind große Nachteile entstanden. Das rassistische Weltbild dieser Zeit besteht leider bis heute, auch in Deutschland.

Schaut euch das Dschungelbuch doch nochmal genauer an und sprecht darüber, wenn euch einige Sachen komisch oder unfair vorkommen. Auch wir, die diesen Artikel schreiben, haben keinen ultimativen Plan wie wir jetzt mit dem Dschungelbuch weitermachen. Aber neugierig bleiben, diskutieren und Herausforderungen annehmen gehört als Pfadfinder*innen ja zu unseren leichtesten Übungen! Wenn du dazu Ideen hast, dann schreib uns gerne an kolonialismuskritik@pfadfinden.de und bring das Thema in deinem Stamm ein.

Weitere Infos:

Wenn du mehr über den Begriff „Kolonialismus“ erfahren willst, schau doch dir doch mal diesen Beitrag von logo! an.

In einer Sendung von „neuneinhalb“ im WDR wird Alltagsrassismus und Kolonialismus für Kinder erklärt.

Noch ein Tipp: Schau mal diese Seite an https://storyweaver.org.in/. Das ist eine indische Seite, auf der es viele Kinderbücher von Autor*innen aus vielen Ländern gibt, vor allem aus Indien. Wenn du schon etwas englisch kannst, kannst du einige Bücher selbst lesen oder in die Suchmaske „German“ eingeben, denn einige Bücher wurden schon auf Deutsch übersetzt. Vielleicht findest du es aber auch interessant, euch einfach mal anzuschauen, was für Sprachen es so auf der Welt gibt und wie die Schriften aussehen. Du kannst auch ganze Bücher völlig legal runterladen und ausdrucken. Das lohnt sich vor allem für die schönen Bilder! 

Autorinnen:

Wiebke Meiwald
AG Kolonialismuskritik
AK Flucht & Asyl

Fuchs (Andrea Ries)
AG Kolonialismuskritik
AK Politische Bildung

 

Foto: David Christiansen (Frieder)

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Was denkst du?

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    Fawkes

    Ist die Kategorie „Wölflinge“ für einen solchen Artikel wirklich die richtige?

    Mit dem heutigen Wissen sämtliche Grundlagen des Pfadfindens zerlegen. Nicht nur den Ast absägen auf welchem wir sitzen, sondern gleich den gesamten Baum fällen ist für mich erschreckend. Es ist schon sehr viel konstruiert hier.

    Ist diese massive Politisierung des Pfadfindens wirklich die Lebenswirklichkeit von Wölflingen und Pfadfinderinnen und Pfadfindern? Aus meiner Sicht ist es vielmehr Beschäftigung von Studentinnen und Studenten welche eine Beschäftigung suchen. Dieses Engagement in den Aufbau und die Unterstützung von Stämmen gesteckt würde den Kindern und Jugendlichen viel mehr bringen als hier ein konstruiertes nicht lebensrelevantes Faß nach dem nächsten zu öffnen.

    Ich empfehle allen dringend einmal die Bücher „Strategie einer Unterwanderung“ und „Freiheit in Bindung“.

    Wollen wir wirklich, dass sich das erneut wiederholt? Ich sehe massive Parallelen und das macht mir derzeit sehr viel Angst.

    • Pfade-Redaktion
      Pfade-Redaktion

      Hallo Fawkes, die Einordnung in die Kategorie „Wölflinge“ erfolgt, weil sich die ganze pfade-Ausgabe mit der Wölflingsstufe beschäftigt. Und ja, sie ist richtig. Der Artikel wendet sich sprachlich und inhaltlich auch an die Jüngeren im Bund. Es wird ein historischer Kontext umschrieben und eingeladen, Dinge zu hinterfragen, die in der pfadfinderischen Lebenswirklichkeit der Wölflinge und Pfadfinder*innen vorkommen. Viele Grüße, Pia

    • kison
      kison

      Moin Fawkes,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Klar muss man sich immer wieder die Frage stellen, ob und/oder wie ein Thema für Wölflinge geeignet ist. Nun ist es ja aber so, dass Wölflinge selbstverständlich etwas über die Geschichte der Pfadfinder*innen lernen, und sei es nur, den Namen BPs vollständig aufsagen zu können und zu wissen, dass er ein cooler Typ war, weil er die Pfadfinder*innen gegründet hat. Das schreibt Meggy (https://www.pfa.de/neue-briefe/meute-wir-muessen-reden/) über ihre eigene Wölflingszeit – und das ist es auch, was ich als Meutling gelernt habe. (Warum Meutling? Ich war damals in einem DPV-Stamm, da hieß das so. Das Thema betrifft also nicht nur den BdP.) Ich habe dort auch gelernt, dass die Nazis Pfadfinden verboten haben und dass alle Pfadfinder*innen eigentlich im Widerstand gegen die Nazis waren. (Letzteres ist übrigens auch ein Mythos, den wir dringend auch loswerden sollten.) Wenn also Wölflingen schon längst die Geschichte unseres Pfadfindens vermittelt wird (incl. Verfolgung durch die Nazis, was ja nicht gerade eine schöne Geschichte ist), warum sollten sie dann nicht auch lernen, dass es neben all den schönen Seiten auch dunkles in unserer Geschichte gibt? Warum ihnen eine heile Welt vorspielen, die Pfadfinden einfach nicht war?
      Ist es die Lebenswirklichkeit von Wölflingen und Pfadfinder*innen, dass „Bleichgesichter anrücken auf Elefanten, mit Büchsen bewaffnet, begleitet von Hunderten von braunen Dienern“ (Kipling: Dschungelbuch, Kap. „Moglis Brüder“)? Können sich vor allem Wölflinge und Pfadfinder*innen of Colour damit identifizieren? Warum sind unter den Pfadfinder*innen und Wölflingen, die ich seit über 20 Jahren beim Pfadfinden sehe, so viel weniger People of Colour als unter der Durchschnittsbevölkerung Deutschlands? Wenn sie sich schon als Wölfling of Colour damit auseinandersetzen müssen, warum nicht auch die weißen Wölflinge? Sind wir so inklusiv und antirassistisch, wie WOSM behauptet (https://www.scout.org/wosm-bp-statue-uk)? Warum sagen wir dann nicht ganz klar: „Ja, ihr habt recht, Kipling war ein Rassist.“? Und warum sollten wir aus dieser Erkenntnis keine Schlüsse ziehen und mit unseren weißen und nicht-weißen Wölflingen darüber sprechen?
      Vielen Dank auch für deine Literaturhinweise. Als Historiker, der sich im Studium mehrfach mit einigen Themen der Geschichte von Pfadfinder*innen und Jugendbewegung auseinandergesetzt hat, kenne ich zumindest Schmoeckels „Strategie einer Unterwanderung“ natürlich. Er beschreibt dort ja auch, dass es vor dem Linksschwenk des BDP schon eine innerverbandliche Demokratisierung und mehr Politische Bildung gab. Beides fand er nicht verwerflich. Und beides hat der BdP bei seiner Abspaltung auch übernommen, nicht umsonst wollen wir ja „kritisch sein und Verantwortung übernehmen“. Gilt es nicht auch kritisch zu sein gegenüber der eigenen Vergangenheit und Verantwortung zu übernehmen für die eigene Vergangenheit?
      Ich sehe eher historische Parallelen zu einer anderen Zeit, nämlich zu jener zwischen 1900 und 1933, als Pfadfinder*innen und Jugendbewegte radikal unpolitisch sein wollten und gleichzeitig jüdische Menschen als „nicht deutsch genug, um Wandervogel zu sein“ ausgrenzten (Wandervogel hier als Beispiel, war bei Pfadfinder*innen ähnlich) und dementsprechend naiv und blind in die Katastrophe (hier: Nationalsozialismus) rannten, als die Politik von außen an sie herantrat. (Dazu empfehle ich wiederum u.a. Walter Z. Laqueurs „Die Deutsche Jugendbewegung“). Ich möchte damit nicht sagen, dass wir bewusst nach ganz links oder ganz rechts schwenken sollten, wie es der BDP getan hat, aber dass wir im Sinne von demokratischer politischer Bildung unsere Geschichte kritisch und verantwortungsvoll aufarbeiten sollten, wie wir es versprochen haben, anstatt uns und den uns anvertrauten Wölflingen weiter vorzugaukeln, die Geschichte des Pfadfindens wäre eine Serie von Glanzlichtern.

    • Tija
      Tija

      Hallo Fawkes,
      ich bitte dich, zwischen „Politisierung“ und „Politischer Bildung“ zu unterscheiden. Die Beschäftigung mit Rassismus und Kolonialismus ist keine Politisierung sondern politische Bildung. Man muss hierfür keinem politischen Lager angehören, sondern es reicht, ganz in unserem Sinne, „kritisch sein und Verantwortung übernehmen“. Die Verbrechen, die Europäer*innen in den Kolonien begangen haben (auch Deutschland, z. B. den Völkermord an den Herero und Nama) sind allesamt wissenschaftlich gut dokumentiert. An dieser Stelle betreffen uns diese Themen unmittelbar, da das Djungelbuch die Rahmengeschichte der Wölflingsstufe darstellt. Ich bin dankbar, dass Menschen in unserem Bund die Zeit und Energie haben, das ganze für uns zu recherchieren und aufzubereiten. Es ist mir unklar, wie du daraus eine Bedrohung für die Pfadfinderei in unserem Bund konstruierst. Die Bedrohung würde entstehen, wenn wir uns nicht damit beschäftigen. Weil wir dann irgendwann nur noch völlig irrelevante Folklore wären und kein lebendiger Pfadfinder*innenbund im Jahr 2021.

  • Avatar
    Fuchs

    Hallo Fawkes,
    unser Ansinnen hier ist nicht, die komplette Grundlage des Pfadfindens zu zerlegen, denn auch wir sind gerne im BdP und lieben unsere Gemeinschaft mit allen Erlebnissen, Freundschaften und Traditionen.
    Nun haben wir, und wie wir in unseren Workshops in den letzten Monaten gesehen haben auch viele andere junge Menschen im BdP ein Unbehagen damit, wie Pfadfinder*innengeschichte meistes sehr einseitig und mit bewussten Lücken erzählt wird (mehr dazu in unserem Beitrag in den Neuen Briefen). Am Ende aller Workshops haben wir ein dickes Danke von allen Seiten geerntet – Der Bedarf ist da, aber die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist ein Angebot, wie vieles im BdP.
    Ich bin aktive Sippenführung in einem frisch gegründeten Stamm (auch da stecke ich also mein Engagement rein und in den letzten Jahren auch an vielen anderen Stellen im BdP, ebenso wie Wiebke.) – Meine Sipplinge leben in der Welt von heute und sie stellen Fragen und stolpern über Begriffe und Erzählweisen. Ich möchte sie dabei unterstützen kritisch auf die Welt zu blicken und diese zu gestalten. Ich glaube, dass wir solche tollen, engagierten, wachen Jugendlichen als Bund nicht halten können, wenn wir uns ihren Fragen nicht stellen, sondern nur darüber hinweggehen.
    In unserem Bund kann man viele schöne Dinge erleben und lernen, am allerliebsten sitze ich mit meiner Gitarre abends am Lagerfeuer nach einem langen Tag auf Fahrt. Aber die kritische Auseiandersetzung und das Lernen über unsere Welt, um diese dann zu gestalten, ist ebenso ein wichtiger Teil.
    Gut Pfad,
    Fuchs

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