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#beiunswillkommen

Wir sprechen, um zu hören, was wir denken,

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ist der Titel eines Kunstprojekts, das sich um den kulturellen Austausch zweier Kindergruppen im Alter zwischen 9 und 13 Jahren aus dem Leipziger Westen dreht. Die einen sind Pfadfinder*innen, die anderen „Kidz“ aus dem Asylbewerberheim. Die einen sind die „Kartoffeln“ und die anderen die „Falafel“. Das klingt schräg und auch etwas diskriminierend und doch bringt es ein wichtiges Thema genau auf den Punkt: (Vor-)Urteile. Ratet doch mal, wer wer ist! Na? Erwischt. Diese Urteile abzubauen war von Anfang an eine von vielen Aufgaben von Rosalie, Kiwie und Micha, der motivierten Sippenführung, die sechs Jungpfadfinder*innen aus der Sippe Concolor vom Stamm LEO bei ihren Pfadfinderaktivitäten begleitet. Bei wöchentlichen Begegnungen, Ferien- und Wochenendaktionen, Workshops und Ausflügen entstanden neben all den schönen Momenten allzu oft Konflikte, die dann ausgetragen und mal besser und mal schlechter gelöst werden konnten. Es war nicht immer leicht, sich gegenseitig zu motivieren und offen gestanden war es häufig ein Kampf um Aufmerksamkeit, um Mitbestimmung und um gegenseitigen Respekt. Für alle waren diese Treffen kleine Gesellschaftsexperimente mit wichtigen Grenzerfahrungen. Die einen lernten Grenzen zu respektieren und die anderen ihre Grenzen zu kommunizieren.

Oft hat sich die Gruppe medial mit Audiorekordern, Handy oder Filmkamera begleitet. Was dabei herauskam und wie es allen bei dem Projekt erging, gab es am 13. Februar bei Radio Blau zu hören. Die Sendereihe „Jung und blau“ des freien Mitmachradios aus Leipzig stellte dem Projekt eine ganze Stunde Sendezeit zur Verfügung. Ein Höhepunkt des Programms war das selbstgemachte Hörspiel. Drumherum gab es all das zu hören, was eine gute Sendung braucht: Musik, Nachrichten, Werbung, einen Arabisch-Deutsch-Kurs und eine große Hand voll Falafel mit Kartoffeln. Damit das Projekt überhaupt in die Tat umgesetzt werden konnte, verlangte es nach weitreichender Planung und der Zusammenarbeit eines Bündnisses. Es verlangte nach Zielen, um Menschen aus schwierigen und unklaren Lebenssituationen mit Menschen aus wohlhabenden und gefestigten Strukturen zusammenzubringen. Wer mehr über die Spannung und Action, über die „Kämpfe“ und die „Wunder“, über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede und über die Menschen erfahren will, kann dies auf der Internetseite ansehen, nachlesen und anhören.

Zusammengewachsen ist die Gruppe leider bis heute nicht. Es gibt immer noch die „Einen“ und die „Anderen“. Die „Falafel“ und die „Kartoffeln“, Jede Gruppe beansprucht für sich besser zu sein als die andere. Besser im respektvollen Umgang miteinander die einen, besser im Sport die anderen. So ist das nun einmal bei Vorurteilen: Menschen oder Menschengruppen werden ungleich behandelt. Die eigene Gruppe wird dabei aufgewertet, während die andere abgewertet wird. Es gibt aber auch positive Nebeneffekte: Die eigene Gruppe lernt sich dabei untereinander besser kennen und wächst stärker zusammen. Pfadfinder*innen lernen durchs Machen und gehen mit gutem Beispiel voran. Sie lernen von klein an empathisch zu handeln, also sich positiv in andere Menschen hineinzuversetzen, um den anderen Menschen zu tolerieren und anzunehmen. Am Ende sind wir uns sicher, dass jede und jeder stolz auf sich sein kann. Stolz darauf, jedes Mal aufs Neue den Mut aufzubringen, sich in das Abenteuer Pfadfinden im Kleinen und in das Abenteuer Mensch im Großen hineinzustürzen und zu sehen, was passiert. Es wird weitergehen, denn das Leben ist ein Fluss und ihr entscheidet jeden Tag, ob ihr mit oder gegen den Strom schwimmen wollt.

Gefördert und begleitet wurde das Ganze mit freundlicher Unterstützung der „Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V.“ (bkj), die eine von 30 Partner*innen im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms des BMBF „Kultur mach stark, Bündnisse für Bildung“ darstellt.

Kiwie vom Stamm LEO

Leipzig im Januar 2020

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