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Du bist stark

Du bist stark

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Junge Tiere können von klein auf Dinge, die für sie überlebenswichtig sind: Fohlen stehen wenige Stunden nach der Geburt auf, um jederzeit wegrennen zu können. Kleine Schimpansen klammern sich ins Fell ihrer Mutter, während diese sich in den Baumwipfeln von Ast zu Ast schwingt, unerreichbar für wilde Raubtiere. Und Babys? Die können doch eigentlich nur eins: ohrenbetäubend schreien. Nicht besonders beeindruckend und ziemlich nervig könnte man meinen und nicht zu selten werden Menschenkinder als schwach und hilflos bezeichnet (vollkommener Quatsch natürlich!). Doch was so unscheinbar wirkt, ist tatsächlich unsere größte Schutzfunktion: Wenn etwas nicht stimmt, laut Gemeinschaft und Zusammenhalt um Hilfe rufen.

Stark sein – was bedeutet das eigentlich? Wir werden stark, indem wir trainieren, lernen, Fähigkeiten entwickeln. Diese persönliche Entwicklung ist bei allen verschieden und es gibt kein Ideal, nur die Möglichkeit, sich selbst zu kennenzulernen und zu entfalten, alle auf ihre eigene Weise. Oft ist die Sprache von „Stärken“ und „Schwächen“. Doch diese Einteilung haut gar nicht so gut hin, denn ein besonderer Charakterzug kann gleichzeitig „Stärke“ und „Schwäche“ sein. Wer ein Musikinstrument
perfekt beherrscht, kann dabei unter dem eigenen Ehrgeiz leiden, während jemand mit einem besonders großen Herzen vielleicht dazu neigt, sich selbst zu vernachlässigen. Wir sehen also, dass wir alle irgendwie besonders sind und dabei sind alle mal stark, mal schwach.

Was uns wirklich stark macht sind Freundschaften, Gemeinschaften, in denen auf die Anderen geachtet wird und alle ihre Persönlichkeit und ihr Können einbringen dürfen. Bei den Pfadis wird auf so eine Gemeinschaft Wert gelegt und viele Freundschaften, die in Meuten- und Sippenstunden, auf Lagern und Kursen beginnen, halten ein Leben lang und die Gruppen, in denen wir bei den Pfadfinder*innen leben, können wie eine zweite Familie werden.

Allerdings kann es auch passieren, dass in der Gruppe oder auch in der Familie jemand deine Grenzen überschreitet und dich zu Dingen überredet oder zwingt, die du nicht willst oder die dir unangenehm sind. Das ist nicht okay!

Du magst die Person und willst sie nicht verletzen. Dir fehlen die passenden Worte. Oder du hast schon vorher dein Einverständnis zu einem gemeinsamen Geheimnis gegeben. Klar ist aber: Du hast ein unangenehmes Gefühl.

Besonders schlimm ist das, wenn es dabei um sexualisierte Gewalt geht. So nennt man Handlungen, bei denen ein Jugendlicher oder Erwachsener deine Grenzen verletzt und dir zu nahe kommt. Sexualisierte Gewalt ist beispielsweise, wenn dich jemand an intimen Stellen anfasst, obwohl du das nicht möchtest oder dich zwingt das gleiche bei ihm*ihr zu tun. Auch wenn das scheinbar zufällig passiert. Manche Täter*innen machen auch obszöne Bemerkungen, wollen einen nackt fotografieren oder verlangen von einem, gemeinsam einen Pornofilm anzugucken. Niemand hat das Recht, dies gegen deinen Willen zu tun!

Wenn du in einer Situation ein komisches Gefühl hast, so nimm dies ernst! Wenn jemand deine Grenzen verletzt, musst du nicht höflich sein. Du darfst alles tun, um dich zu schützen. Du darfst unfreundlich sein, treten, weglaufen, schreien – erinnere dich: Schreien ist kein schlechtes Benehmen, sondern unser Grundinstinkt, um uns zu schützen. In jedem Fall aber gilt: Du bist niemals Schuld an dem, was passiert! Und es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen. Im Gegenteil. Wende dich an eine Person, der du vertraust. Das können Eltern, ältere Personen aus eurem Stamm oder aber auch Lehrer*innen sein. Wenn dir das zu unangenehm ist, kannst du auch anonym, also ohne dass
du deinen Namen nennen musst, Rat und Hilfe im Internet oder bei einem Beratungstelefon bekommen.

Weitere Hilfen bekommst du hier:
deine-playlist-2020.de/kinder
Nummer gegen Kummer: 116 111
Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530

 

Anna Kuschik
AK intakt
Stamm Waräger, Erlangen
LV Bayern

Foto: Paavo Blofield

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