Lady
#einmalimbundeszentrum

„Lady-Tag“ im Bundeslager 1956 in Immenhausen

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Bundeslager 1956 in Immenhausen am Reinhardswald. Große, hügelreiche Wiese, lehmhaltiger Boden mit Absenkung zum Bach, der am Waldrand damals noch fließendes Wasser hatte, das wir zum Waschen und Kochen verwendet haben. Verborgen, mit Wurzelwerk umgeben, ein Tümpel (See) tief genug zum Schwimmen, reich an Kröten, Fröschen und abendlichen Mückenschwärmen. Naturdenkmäler in Gestalt von uralten Eichen, die witterungsbedingt durch Feuerherde von Blitzeinschlägen märchenhafte Gestalten für fantasiereiche Spiele boten. Das ist und war die nähere Umgebung unseren jetzigen Bundeszentrums.

Sommer 1956, Hessische Presse- und Informationsagenturen arbeiteten mit Hochdruck – sensationeller Besuch – eine Lady aus England vom Weltbund der Pfadfinderinnen besucht das Zeltlager mit 600 Mädchen vom Bund Deutscher Pfadfinderinnen.

Regengüsse verwandelten den „Rehwinkel“, eine lehmhaltige Wiesenabsenkung vor dem Reinhardswald, in ein Schlammbad – der „Hit“ des Lagers sollte es nicht werden – die Lady kam, das Wetter änderte sich!!!

Unsere kleinen, wasserabweisenden Vier- bis Sechs-Personen-Hauszelte mit durchgehender Bodenabdeckung hielten dem starken Regengüssen nicht stand. Mehrmals werden unsere selbst genähten Jutesäcke mit trockenem Stroh vom Bauer Glaßl erneuert. Wir ahnten nicht, dass hier einmal unser Bundeszentrum entstehen würde!

Der „große Tag“ nahte, die Aufregung groß, Garderobenkontrolle – Rock, Bluse, Halstuch noch sauber? Kopfbedeckung – Hut, Baskenmütze – Hände gewaschen, Nägel sauber, Zelte und Platz aufgeräumt? Das größte Problem weiße Socken … nasse Schuhe, nahm viel Zeit in Anspruch, regte aber auch Fantasie und Erfindergeist an. Auf selbstgebauten, hüfthohen Kochgestellen zwischen Bratpfannen und Hordentöpfen standen sie wie Schaschlikspieße in sicherer Entfernung zur heißen Feuerglut, die ehemals weißen Socken, die lehmverklebten Schuhe, aufgestülpt über lange, dicke Stöcker. Zeremonie mit besonderer Duftnote! Dieses Vorspiel, die Overtüre zum Fine Lady Day, erhöhte die Spannung, Freude mit Nervenkitzel. Heute würde ich sagen „mega cool, geil“ – kannte man 1956 aber noch nicht.

Dieser Lady-Tag – einmalig für uns – denken und handeln, Lady rechts, Lady links – linke Hand bei Begrüßung. Wir waren nicht nur die Statisten, plötzlich waren wir, jede einzelne, genauso wichtig wie alle zusammen und gehörten zur weltweiten Organisation der Pfadfinderinnen, deren World Chief Guide Lady Olave Baden-Powell uns hier im „Rehwinkel“ besuchte, toll!!!  Es war der 5. August 1956 und sie ist in Begleitung von Elisabeth Lotz aus der Schweiz.

Aus dem großen Begrüßungs-Singkreis von 600 Pfadfinderinnen in Begleitung von Joggel, der damaligen Bundesmeisterin, dem Bürgermeister von Immenhausen, hessischen Landesvertretern, Forstmeister, Jäger, Feuerwehr und Kirchenvertretern besuchte die Lady jedes der 22 Unterlager! Und wenn es nur ein Lächeln, ein Händedruck, ein paar Worte waren, ihre Ausstrahlung und Herzlichkeit eroberten viele Herzen in der von uns so schwierigen Nachkriegszeit. Daran kann ich mich besonders erinnern. Nach diesem Lager hatte ich das erste Mal für mich empfunden, was das Wort Heimat bedeutet und ist.

 

Noch einen Rückblick zum Bula 1956:

Auf dem heutigen Gelände gab es außer Wiesen, Korn-Getreidefeldern und Gemüseackern keine festen Bauten noch sanitäre Anlagen oder Stromleitungen. Für das Bula 1956 versorgte uns eine Trinkwasserleitung vom Dorf zum Getränke- und Essenkochen sowie zum Duschen und Waschen in selbst errichteten Jutekabinen am Waldrand. So hatten Förster und Jäger von ihren Hochsitzen- und -ständen nicht nur den Rehwinkel im Visier – auch den direkten Einblick in die Nasszellen von uns hübschen Mädchen! Diese Plätze waren schon am frühen Tagesbeginn besetzt.

Noch etwas aus meiner Gedächtnisschublade: Die nächtlichen Besuche der Fuchsfamilien. Sie witterten die offenen Vierfruchtmarmeladeneimer im Verpflegungszelt, genossen das Festmahl mit lautem Geheule wie junge Hunde und hinterließen ein Schlachtfeld-Chaos total! Der nächtliche Wachposten wurde verdoppelt, die Geister des Reinhardswaldes vernahmen die Kunde, verschonten uns von weiteren Attacken.

Die damalige Bundespost hatte ein Auto mit Markenverkauf, Briefkasten und Postabholstelle eingerichtet. Telefonkabinen gab es vor dem „Rote Kreuz“- und Ärztezelt, begehrte und stets umlagerte Einrichtungen der Zivilisation. Geduld im Schlangestehen erforderte ein besonderes Organisationssystem der Unterlagerleitungen. Die kleinen Läden in Immenhausen hatten rechtzeitig dem Ansturm von 600 Menschen vorgesorgt, ein Spaziergang zum Leckeis von 5 km überlegte sich manche rechtzeitig. Die Bewohner*innen von Immenhausen/Holzhausen waren sehr freundlich, mit großem Interesse füllten sie zum Besucher*innentag den Lagerplatz.

Der Ort Immenhausen ist durch die jährlich stattfindenden Zeltlager sehr bekannt geworden – es lohnt sich, diese wunderschöne Gegend „per pedes“ kennenzulernen. Sie ist reich an Überraschungen für alle Altersgruppen.

Ingeborg Retzlaff (Mohrle), Berlin

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