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Die Leichtigkeit des Scheins

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Es ist Donnerstagabend. Ich hätte eigentlich noch was Wichtigeres zu tun – aber stattdessen bin ich auf Instagram unterwegs.
„Meiomei, ist das viel Werbung in meinem Feed“, denke ich und schalte den Ton an, um herauszufinden, was dieser tanzende Feuerwehrmann mit dem Schokoriegel zu tun haben soll.

Manchmal fragt man sich doch echt, was die Produzent*innen eines Werbespots sich dabei gedacht haben. Die Zahnpastawerbung spielt im Weltraum, ein Lama schluckt die Halzschmerztabletten und für was die beiden zwei halbnackten Menschen am Karibikstrand da werben, bleibt auch nach dem Spot ungeklärt: Bodylotion, Reiseversicherung, Diätkur, Cocktail, Hundepension, James-Bond-Film? Könnte alles sein. Naja. So funktioniert Werbung halt. Es geht eigentlich nicht um die Sache selbst, sondern um das Drumherum. Das Produkt wird in einen positiven Kontext gesetzt, der es besonders revolutionär, abenteuerlich, wissenschaftlich, lecker, sexy oder sonst wie erscheinen lässt. Die Geschichte des Feuerwehrmannes und dem Schokoriegel macht zwar rational überhaupt keinen Sinn, aber das ist auch egal. Den Schokoriegel will man später trotzdem.

Wenn dieses Prinzip „Anschein über Inhalt“ auch außerhalb von Werbung angewandt wird, kann das zu einem echten Problem werden. Zum Beispiel, wenn man zu viel Zeit mit dem Aufhübschen seines Insta-Accounts zubringt. Okay, dann sehen alle, was für ein super aufregendes, tolles Leben ich habe. Aber in der Zeit, die ich auf Instagram zugebracht habe, hätte ich einfach wirklich so ein Leben haben können. Stattdessen fließt meine ganze Kraft und Kreativität nur in den Schein. Werbung für mich selbst.

Das Verlockende am Schein ist, dass es nicht so schwer ist, ein Foto zu schießen, auf dem ich mit Freund*innen in der Stadt chille, traumhafte Dinkel-Bananen-Blaubeer-Pan-cakes backe oder mit meiner Katze auf dem Bauch einschlafe. Es ist nicht schwer, glücklich auszusehen. Der Schein ist leicht. Schwer ist die Sache selbst: richtig gute Freunde zu finden, sich gesund zu ernähren und sich nicht zu stressen, wenn man nicht wie die Menschen aus dem James Bond Film aussieht. Und es ist auch nicht leicht, abends entspannt einzuschlafen und die Gedanken an Schule, Uni oder Arbeit loszulassen – mit oder ohne Katze auf dem Bauch. Ganz oft ist es super schwer, glücklich zu sein. Und das ist vollkommen okay so. Aber was überhaupt nicht hilft bei diesem Projekt „Perfektes Leben“, ist es, seine Zeit und Kraft in den Schein zu investieren. Denn irgendwann fliegt er auf und dann bleibt nichts mehr außer schicken Fotos und Herzchen auf Instagram. Anstatt eine Geschichte über mich selbst zu schreiben, arbeite ich lieber an meinem echten Ich. Das führt zwar nicht zu dem perfekten Leben, aber dafür zu echten Erinnerungen.

Natürlich ist auch das Pfadfinden nicht frei von diesem Selbstdarstellungszwang. Erste Sonnenstrahlen auf raureifen Kothen oder tiefschwarze Silhouetten vor goldenen Lagerfeuern sind Momente wie gemacht zum Festhalten und Weiterzeigen. Der perfekte Hintergrund für einen Werbefilm, der Abenteuer und Gemeinschaft verkauft und in der Mitte bin ich: das Produkt. Im Pfadfinden liegt zweifelsohne ein großes Potential für Zwecke der Selbstvermarktung. Umso wunderbarer ist es, dass ich Pfadfinden immer wieder als einen Raum erlebe, der sich dem Werbeprinzip „Anschein über Inhalt“ entzieht. Nicht weil er nicht haufenweise eben jene wunderschönen, filmreifen Momente produziert. Sondern weil man den Schein ganz vergessen kann, wenn die Sache gut ist.

Theresa Henne, Stamm Roter Milan, Nidderau, LV Hessen

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