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Kritische Auseinandersetzung mit unserem Liedgut

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Manche Lieder, die wir unbeschwert in unseren Singerunden singen, haben einen durchaus sexistischen oder anderweitig problematischen Hintergrund. Oft fällt uns das beim Singen gar nicht mehr so richtig auf, oder wir denken uns nichts dabei. Hier ist eine kritische Auseinandersetzung mit unserem traditionellen Liedgut wichtig.
Ein Kommentar:

„Ein Mädchen steht am Straßenrand, die Handtasche baumelt von ihrer Hand und ihre Art zu gehn‘ und zu grüßen die lassen auf eine Nutte schließen“ Kommt euch dieser Text bekannt vor? Möglicherweise ist dieses Lied auch in eurem Liederbuch, vielleicht wird es bei euch im Stamm auch gerne mal von einem jüngeren Sippling in der Singerunde vorgeschlagen. Mit einem neckischen Grinsen schlägt ein RR die Gitarre an und alle singen, teils grölen, dieses lyrische Meisterwerk. Seien wir ehrlich, solche vulgären Lieder sind eigentlich nicht gut für unser Image. Nach außen hin wirkt es schnell so, als säßen abends beim Lager ein Haufen Frauenfeinde, die unsere Jugend verziehen.

In machen Stämmen wird das problematischere Liedgut erst dann ausgepackt, wenn alle Wölflinge im Bett sind. Damit gedenkt man, die Kinder und auch sein Image zu schützen. Der kleine Jan-Erik wird nicht am nächsten Abend beim Zähneputzen laut singen, wie er sich an die Krügerin ran macht. Das ist schon mal ein guter Schritt nach vorn, nur in den Liederbüchern ist es immer noch zu finden. Aus unserem Stamm weiß ich, dass sich auch die Eltern mit unseren Liedern beschäftigen. Viele wollen verstehen, wohin genau sie ihr Kind schicken. Sollten diese Eltern im Liederbuch eine bunte Sammlung an Trinkliedern oder ähnlichem vorfinden, schreckt das sicherlich einige erst einmal ab. Anstatt Gesungenes jetzt aber links und rechts wahllos zu verbieten, nur um zu verhindern, dass wir ein paar Eltern vergraulen, sollten wir es vielleicht mit Aufklärung versuchen. Sowohl Eltern als auch Kinder sollten sensibilisiert werden, welche unserer Lieder denn bündischer Tradition und welche nicht aus dem direkten Umfeld der Pfadfinderei entspringen.

Wenn wir unser Liedgut betrachten, sehen wir vor allem Lieder mit vulgärem Unterton als problematisch an. Beinahe wichtiger jedoch ist die Botschaft, die wir damit an jüngere Pfadfinder*innen senden. Im Lied „die Nutte“ geht es darum, Prostituierte in der Gesellschaft zu akzeptieren, was jedoch teils in absurde Argumente abdriftet wie z.B. dass Männer sonst vergewaltigen. Die brauchen das halt. So schafft man es nicht nur, Männer schlecht darzustellen, sondern vor allem Gewalt gegen Frauen dadurch zu legitimieren, indem man behauptet, es läge in der männlichen Natur. Zudem wird das Thema so angegangen, als sei Prostitution eine Entscheidung aus Idealismus – ist es jedoch in den allermeisten Fällen nicht. Klar werden die meisten nicht diese Meinungen teilen, doch ist das nicht einfach nur ein „Ansatz, den man zum Thema Prostitution haben kann“, wie man mir in meinem Stamm einmal sagte. Wenn wir das Lied ganz unkommentiert singen, ist das mehr so etwas wie eine Positionierung. Zu einem Ansatz gehört dann gewissermaßen auch eine Diskussion und die findet oft nicht statt. In „Burschen, Burschen wir verderben“ geht es um ein Saufgelage, welches in sexueller Belästigung endet, es sei denn, man findet eine andere Interpretation von „bis sie schreit“. Dennoch singe ich das Lied mit, denn wir glauben, dass allen klar sein sollte, dass so was eigentlich nicht ok ist. Das Problem ist wohl ein ähnliches wie mit rassistischen Witzen: Meist haben diejenigen, die solche Witze machen, kein rechtes Gedankengut. Man glaubt, allen sei bewusst, wie weit ab es von unserer Realität ist. Dennoch gibt es Menschen, die sich dadurch in ihrem Weltbild bestätigt sehen. Doch können wir solche Leute daran hindern, ohne uns selbst zurückzunehmen, geschweige denn zu zensieren?

Sexistische Ansichten in unseren Liedern werden aber nicht vorsätzlich eingebracht. Oft kommen sie noch aus Zeiten, in denen Frauen weniger Rechte hatten. Man hat sich einfach nicht so viele Gedanken gemacht. Vor allem nicht darum, was 2019 hinein interpretiert wird. Anders ist es mit solchen Texten, die mit ideologischem Vorsatz geschrieben wurden. Bei den Pfadfis scheinen wir ein großes Faible für Widerstandskämpfer zu haben. Ob mit „Black and Tans“, einem Lied der ehemaligen Terrorgruppe IRA, oder mit „Nachts steht Hunger“ über die weißen Kosaken auf der Flucht vor der Roten Armee. Die Geschichte ist immer recht gleich: Eine Gruppe wird von einem gewalttätigen Regime unterdrückt und klagt darüber beziehungsweise sieht keinen anderen Weg, als mit Gewalt zu antworten. Auch haben sich viele Lieder aus kommunistischem Hintergrund erhalten. Natürlich gibt es darin kein Hinterfragen der Botschaft. Wie auch, ohne den gesamten Aufbau, die ganze Emotionalität zu zerstören. Gewissermaßen ist Geschichtsrevisionismus, also das Verdrehen oder Vergessen von historischen Fakten, dabei vorprogrammiert. Es sind diese einseitigen Blickpunkte, die man nicht unkommentiert lassen sollte. Glücklicherweise haben bereits sehr viele Liederbücher kleine Fußnoten zum ideologischen und historischen Hintergrund. Damit kann man erreichen, dass Pfadfinder*innen, die sich weiter damit beschäftigen wollen, bereits einen ersten Einblick in die Thematik erhalten können. Die meisten werden sich jedoch nicht die Mühe machen, weiter zu recherchieren. Daher ist es sinnvoll, über die Botschaften unseres Liedguts im Stamm zu sprechen.

Wir haben eine breite Palette an Liedern aus allen möglichen Hintergründen. Daher entspricht vieles von dem, was wir singen, nicht zwingend unseren persönlichen Ansichten oder denen unseres Bundes. Für mich ist es wichtig, diese Botschaft nach außen zu präsentieren.

Nils Jusek, Stamm Graue Biber, Bad Vilbel, LV Hessen

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