BdP-Bundeslager 2017 in Großzerlang. Foto: Oliver Wunder
Traditionell und digital

Leg‘ doch mal das …weg!

,
Olli
Stamm Geisterburg, Bargteheide
LV Schleswig-Holstein/Hamburg

„Leg‘ doch mal das Handy weg!“ Diesen Ausruf – meist mit genervter Stimme – kennst du sicherlich. Ja, ja! Dann halt mal fünf Minuten weg damit.

Dabei ist das Smartphone doch so vielseitig und hilfreich. Jederzeit kannst du mit Freunden schreiben, das Neueste aus der Welt erfahren, spielen, recherchieren, was du nicht weißt, den Weg in einer fremden Umgebung finden, oder dich einfach mit lustigen Gifs ablenken. Ohne Smartphone ist das Leben kaum vorstellbar und deutlich schwieriger.

Auch bei Heimabenden sowie auf Fahrten und Lagern gehören die Geräte inzwischen bei sehr vielen Pfadis zum Standard. Dabei gibt durchaus gute Gründe, eine Zeit lang nicht zum Smartphone zu greifen, ja vielleicht eine gemeinsame digitale Auszeit auf Lager oder Fahrt zu verabreden. Schlimmstenfalls könnte eine Fahrt nämlich so aussehen:

Die Wanderstrecke wird per Google Maps berechnet, da keiner aus der Gruppe mehr mit Kompass und Wanderkarte umgehen kann. Die Routenführung des Smartphones ist präzise und einfach zu befolgen. Am Tagesziel angekommen bauen die Sipplinge mithilfe eines Youtube-Tutorials die Kothe auf. Die Gruppenleitung hat Lebensmittel per App bestellt, die geliefert werden, als das Feuer schon brennt. Abendprogramm: klassische Singerunde. Die Gitarre wird per App gestimmt, die Liederbücher sind ebenfalls auf dem Smartphone aufgeschlagen. Während das Feuer knistert und die Gruppe singt, filmen mehrere Sipplinge die Szene. Alles landet Sekunden später auf ihren Instagram-Accounts. Es gibt Likes und Kommentare. Ping! Freunde schicken per WhatsApp perfekte Fotos von ihrem Sommerurlaub. Du antwortest mit einem Foto vom Sonnenuntergang am See. Ping! Urlaubsgrüße waren nie schneller zu Hause. Ping. Mama fragt, wie das Essen war. Ping, ping, ping! Im Gruppenchat hat jemand ein lustiges Video geteilt. Haufenweise Lachemojis.

Klingt reichlich übertrieben? Ja, das ist es, aber das kurze Szenario ist durchaus vorstellbar – außer du bist mit deiner Gruppe in Deutschland unterwegs, denn das ist das Netz in Wäldern kaum vorhanden, im Ausland dagegen schon.

Vielleicht ist es einfach Zeit, tatsächlich mal das Handy wegzulegen und sich in der Sippenstunde ein paar Fragen zu stellen. Wozu benutze ich mein Smartphone? Brauche ich es wirklich dafür und so häufig? Stört das Handy andere? Kann ich ein paar Stunden oder mal eine Woche darauf verzichten? Nutze ich es danach vielleicht sogar anders?

Vermutlich fällt dir eine Smartphone-Auszeit schwer, möglicherweise ist sie aber auch befreiend. Es geht dabei auch gar nicht um Verbote und ein Verteufeln von Smartphones, der digitalen Welt und dem Internet. Vielmehr gehört es dazu, sich die Vor- und Nachteile und Situationen, in denen die Geräte als störend empfunden werden könnten, bewusst zu werden.

Natürlich gibt es viele gute Gründe, die digitale Welt in unseren Pfadfinder-Alltag einzubauen und zu nutzen. Da darf der BdP auch keineswegs rückwärtsgewandt sein und das Digitale verdammen. Doch absichtlicher Verzicht, wie er beispielsweise auf einer Fahrt bei vielen Dingen üblich ist, kann interessante Folgen haben und eine bewusstere Nutzung mit sich bringen. Also einfach mal das Handy beiseitelegen und gucken, was passiert.

%

Was denkst du?

  • Stefan

    Hallo Olli,
    vielen Dank für dem Artikel. Der mir so gut gefallen hat, wie auch die anderen Beiträge zum Thema Traditionell und Digital. Eigentlich längst überfällig.
    Traditionell und Digital klingt wie ein Widerspruch, warum eigentlich? Haben wir noch immer kein Selbstverständnis dafür entwickelt? Warum muss in der Pfadfinderwelt das Smartphone seinen Platz erst noch finden, obwohl jeder eines in der Hosentasche hat?
    Ich betrachte das Smartphone als Schweizer Messer für Kommunikation und Internet. Ein Multitool. In den Traditionen der Pfadfinder findet sich kein Smartphone. Aber haben Innovationen keine Platz in der Welt der Pfadfinder? Sind die Traditionen zu stark?
    Baden Powell und auch Tusk, die unseren Bund bis heute mitgeprägt haben, waren durchaus innovativ und damit traditionsstiftend. Auch hatten beide ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein. Haben Bücher geschrieben und gestaltet und sogar Verlage gegründet, um ihre Gedanken zu verbreiten. Ich bin mir sicher, hätten diese Herren über die Mittel unserer Zeit verfügt, sie wären sicher auf Twitter, Facebook, Pinterest, WhatsApp … würden selbstverständlich # setzten. Gerade weil es so schnell und direkt ist und diejenigen erreicht werden, die erreicht werden sollen. Sie wären sicher Blogger und Influencer. Ich denke etwas mehr Innovationsfreudigkeit würde Pfadfindern gut tun, statt langsam in Traditionen zu erstarren.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ausrechnen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.